28.08.18
Schweigende Felstürme
Winni+Christian

Nach langer Zeit sind wir wieder unterwegs im Naturpark Ammergauer Alpen. Im September 2016 liefen wir die Linderhofrunde - vom Pürschling zum Brunnenkopf. Heute passieren wird das Schloss, kurven auf schmaler Straße durch die bezaubernde Landschaft und erreichen unser Ziel. Die JVA vom Ammerwald, möchte man denken, aber nein, der hässliche Blechkasten entpuppt sich als das Alpenhotel Ammerwald (1079m).

Kurz vor dieser Meisterleistung architektonicher Kunst parke ich meine Blechkarre am Straßenrand unter Bäumen. In der Nacht muss es geregnet haben, es tropft. Wir packen unsere sieben Sachen und laufen kurz nach 10:00 Uhr los. Die geplante gut 22km lange Runde gespickt mit 1500hm, wird uns auf keinen Gipfel führen, aber dennoch vier Anstiege bescheren, die uns unterhalb des Zunderkopfs vorbeiführen und uns zum Kreuzkopf bringen.

Wir laufen vorbei am riesigen Parkplatz (nur für Hotelgäste) und erreichen den bei MTB-lern im Downhill beliebten Schützensteig, der uns im kühlen Mischwald hinauf zur Jägerhütte (1424m) bringen wird. Die moderate Steigung des Wanderwegs ist trotz steinigem Untergrund gut laufbar. Tief und gleichmäßig inhaliere ich die frische Waldluft. Wir erreichen einen Abzweiger nach links, auf dem wir herunterkommen werden. Nach gut drei Kilometern landen wir bei der Jägerhütte und leider auf einem Fortsweg, der uns direkt zum Schloss Neuschwanstein bringen könnte. Uns aber gemahnt der hier alles überragende pyramidenförmige Säuling, auf seiner Schokoladenseite zu bleiben, der Ostseite. Flott laufen wir den breiten Fortsweg bergab und erreichen nach weiteren 4km unser nächsten Etappenziel, das Berggasthaus Bleckenau (1167m), das frühere Jagdhaus König Ludwig II. Da wir noch genügend Wasser haben, biegen wir 100m vorher an der Fritz-Putz-Hütte nach links ab uns starten unseren zweiten Anstieg, der uns nun endlich hinein in die einsame und wildromantische Ammergauer Bergwelt führt.

Steil geht es hinauf, über Wurzeln und Gehölz, so steil, dass wir nur im Stile eines Wanderers vorankommen. Henry David Thoreau kommt mir in den Sinn und sein kleines Büchlein "Über das Wandern", das gerade auf meinem Nachtkästchen liegt. So wie beim Lesen dieser Lektüre gerate ich beim Steigen ins Meditieren, bis ich herausgerissen werde: "Gib mal ein bisschen Gas, du wirst ja immer langsamer!" Hoppla, sollte ich wirklich? Sollte ich zudem was verpasst haben? An Aussicht vielleicht. Oder eine Abzweigung? Denn bald nach dem Bächgraben laufen wir auf unkenntlichem Pfad unterhalb schroffer Felstürme entlang:

Schulter an Schulter stehen sie hoch über uns und schauen schweigend auf uns herunter. Ihre altgewordenen Augen verfolgen uns auf Schritt und Tritt. Woher wir kommen, wissen sie nicht, wohin wir gehen auch nicht. Paris-Texas? Vielleicht war es die Reaktion auf meinen shepard'schen Blick, denn bayerische Berge sehen anders aus. Jedenfalls bin ich fasziniert von den Ammergauer Bergen mit ihren Felstürmen und rauen Gipfeln.

Rau ist auch der geröllige und verwachsene Pfad direkt unterhalb dieser Felstürme, auch, als es nach knapp 11 Kilometern von 1600m wieder hinunter geht auf 1360m in den Altenberggraben. Die Landschaft ist großartig, auch der Blick in die fernen Täler, die aufgrund der dichten Fichtenwälder in vielen Schattierungen dunkelgrün leuchten.

Und schon beginnt der vierte und letzte Anstieg. Bis zum Schlussanstieg aufs Kuhkarjoch (1767m) unterhalb des Kreuzkopf ist der Pfad laufbar, erst die letzten Serpentinen sind steil und zwingen erneut zum Gehen. Auch wenn es auf den Kreuzkopf nur 30 Minuten sind, empfiehlt es sich nicht, ihnl zu besteigen; der Anstieg ist steil, schrofig und bröselig. Auch ohne Gipfel genießen wir das oben Angekommensein nach 16,5km. Weit unten sehen wir schon unser Ziel in der Sonne leuchten, die Blechkiste, das Hotel. Jetzt haben wir die Wahl: entweder den direkten aber sehr steilen Abstieg durch das Kuhkar zu nehmen, oder den laufbaren Weg westlich hinunter zum Abzweiger an der Jägerhütte, von wo aus es den Schützensteig wieder hinunter geht. Wir wählen die laufbare Variante.

Über die Grenze hinweg und hinein ins Land der Österreicher geht es erstmal durchs Kuhkar, im oberen Bereich gut laufbar, schwenken dann links ab und laufen in einer Bergflanke auf einem mäßig steilen Wanderweg, der leider über und über geschottert ist. Da wir hier relativ schnell unterwegs sind, ist unsere Konzentration weiterhin gefordert. Um so schöner dann und anspruchsvoll genug, der restliche Downhill den Schützensteig hinunter.

Dieses Stückchen der Ammergauer Alpen, deren Charakteristik ich versucht habe, anzudeuten, ist fürwahr ein landschaftlicher Genuss. Der Flow beim Laufen aber, den Christian und ich so schätzen, der hat sich bei dieser Runde leider nur selten eingestellt. Beim Plausch am Ende der Tour haben wir beide ein dickes Fragezeichen hinter die Ammergauer Bergwelt mit ihrer wilden und zerklüfteten Landschaft gemacht.

(Fotos folgen)

In the meantime: Dawg Yawp - "East Virginia Blues"

Blick vom Kuhkarjoch ins Ammertal

Architektonisches Meisterwerk im Naturpark


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