Trailrunning - vom Plumsjoch zur Fleischbank

Winni Mühlbauer - Trailrunning - Karwendel Von der Plumsjochhütte zur Fleischbank


19.8.16
Höhenflug mit Aussicht
Winni + Christian

Um 15:31 Uhr erhalte ich am Donnestag von Christian eine E-Mail: "Trotz anders lautender Prognosen verspricht mein Frosch einen Tag ohne Gewitter". Nach einer Nacht mit wenig Schlaf biegen wir am Freitag um 7 Uhr auf die Salzburger Autobahn. Es schüttet. Das sei nur eine kleine Störung mit einem Durchmesser von 80km aus Süd-West, meint der Wetterfrosch neben mir. Kurz vor der Ausfahrt Holzkirchen ist der Spuk vorbei. Die Berge sind zu sehen. Wir grinsen uns an. Nebel wabert über dem Sylvensteinspeicher, nur spärlich kommt die Sonne raus. Vorderriß, Hinterriß, Mautstelle. Hier parken wir das Auto vor dem schon lange geschlossenen königlichen Alpenhof - in der Sonne. Unser Grinsen wird breiter. Am Ende des Tages haben wir 24km und 1714hm in den Beinen. Das Grinsen aber ist uns noch lange nicht vergangen. Im Gegenteil. Wir angeln die kalten Bierflaschen aus der eiskalten Riß und prosten zufrieden und glücklich auf diese gigantische Tour an, wo einmal mehr alles gepasst hat.

Zurück auf Anfang: Per Pedes laufen wir unter nahezu blauem Himmel ein Stück auf der Mautstraße in Richtung Eng und hoffen auf ein Auto, das uns mitnimmt zu den Hagelhütten. Das erste fährt nur bis zum P4 (Johannistal), im zweiten schon machen wir es uns hinten gemütlich. Beim Aussteigen ist uns damisch. So kurvig ist diese Strecke doch gar nicht?

Langsam laufen wir los, mit 2 Liter Wasser in der Trinkblase plus zwei Fläschchen mit Hafersuppe. Auch die Regenjacken haben wir dabei. Unser erstes Ziel, die Plumsjochhütte (1630m), erreichen wir auf Wanderwegen und Trails nach einer Stunde und 10 Minuten. Der Blick hinüber zur Prominenz des Karwendels ist schon mal phantastisch, der zum Himmel auch. Wir statten dem urigen Plumsklo der urigen Hütte einen Besuch ab und machen uns alsbald auf zum nächsten Ziel, dem Kompar (2011m), laufen den angenehm ansteigenden direkten Trail, der mir schon den ersten Vorgeschmack auf das bringt, was noch kommen sollte; für Christian ist das alles erste Sahne. Erstmal ist es nur eine kleine Kletterstelle im gestuften Fels. Bei meiner ersten Tour auf den Kompar - im Uhrzeigersinn - bin ich oben herum über das romantische Satteljoch gelaufen, über Wiesen und vorbei an Kühen. Jetzt aber geht es holprig und schrofig unten herum - aber schön! Immer im Blick das Zentralkarwendel und seine berühmten Täler. Bald ragt spitz der Kompar vor uns auf, und blicken wir zurück, lacht die Mondscheinspitz herüber.

Wir erreichen den steilen kurzen Pfad hinauf zum Kompar, der an einer kleinen Kuppe im rechten Winkel vorbei an Latschen hinauf führt, bleiben aber erstmal auf der Kuppe stehen und staunen: Weit nach dem langgezogenen Grasbergsattel stehen stolz die "drei Brüder" Grasbergjoch, Hölzelstaljoch und Fleischbank, deren Gipfel nicht eingeplant sind, sondern nur die Trails entlang den Südflanken.

Erstmal aber geht es hoch zum Kompar. Kurz und knackig. Oben angekommen essen wir. Christian ein Wurstbrot, ich einen Haferriegel. Dazu Hafermehlpampe. Muss sein, der Kopf verlangt danach. Dem kreuzlosen Kompar einen Besuch abzustatten, lohnt sich. Der Blick hinunter in die Eng ist phantastisch, und die Mondscheinspitz auch in der Sonne ein Genuss. Auf das Gamsjoch dagegen hat sich eine Wolkenmütze gesetzt, die den ganzen Tag nicht mehr weichen wollte. Wir machen uns wieder auf, und obwohl der Downhill steil ist, kann man ihn sogar flowig laufen.

Wir erreichen wieder die Kuppe und machen uns auf zu den "drei Brüdern". Schmal ist der Trail, immer wieder gespickt mit kleinen schrofigen Überraschungen, die wir mit gebotener Vorsicht passieren, zart und lang ist das Gras am Rande des Pfads, tief der Blick hinunter. Immer wieder bleiben wir stehen ... staunen ... genießen. Und nuckeln an unseren Schläuchen. Unausgesprochen die bange Frage, ob wir mit 2 1/2 Litern hinkommen. Es ist heiss, die Hänge dieses Höhenzugs sind der Sonne zugewandt, und auch, wenn sich jetzt mehr und mehr dunkelgraue Wolken zwischen uns und die Sonne schieben, wir schwitzen. Und zum Grasbergsattel ist es noch weit.

Aber Zeit und Weite spielen keine Rolle, wir laufen, und weil wir laufen kommen wir voran, jeder Schritt bringt uns weiter. Ein Ziel gibt es nicht, nur ein Ende, an das wir nicht denken. Allmählich schrumpft die Ferne, und je kleiner sie wird, desto höher baut sich der nächste Berg vor uns auf.

Auf dem Grasbergsattel geht es flach zwischen Latschen dahin, und bald tauchen wieder die "drei Brüder" auf, mächtig gewachsen. Nachdem wir auf dem Trail hierher immer wieder mal gehen mussten aufgrund der steilen Hangneigung, freue ich mich innerlich auf den Grasberg. Klingt hübsch. Ich stelle mir Sommerblümchen auf satten Wiesen vor, durch die sich unser Trail schlängelt, butterweich zu laufen. Erstmal aber geht es ein Stück in den Sattel hinunter, und dann wieder hoch auf Flughöhe. Dort angekommen steht eine Wandertafel: Fleischbank, Schafreuther. Dahinter je ein schwarzer Punkt und dann noch der Hinweis: Nur für Geübte. Schräg schaue ich Christian an. Der kennt diesen Blick. Wiegelt ab, alles nicht so schlimm. Das Gelände wird steiler, der Pfad schwierig. Immerhin sehe ich Blümchen. Dass der Grasberg aber am Westgrat abbricht, damit habe ich nicht gerechnet. Übel der Blick hinunter in die steile, bröselige Rinne. Auf allen Vieren krabbel ich zum Anfang des Stahlseils. Und bekomme sofort Schimpfe. Genauso, meint Christian, ist es falsch. Wenn du wegrutschst aufgrund mangelnder Haftung, dann geht's dahin. Froh, das Seil in der Hand zu haben, drehe ich mich um, schaue durch die Beine und klettere mit Christians Hilfe diese Schlüsselstelle hinunter. Weiter geht's recht anspruchsvoll auf diesem Steig in Richtung Hölzstaljoch, auf dessen steiler Südflanke wir von der Sonne ausgelaugt weiterlaufen, weitergehen und oft stehenbleiben; der Ausblick ist gigantisch. Die Falkgruppe, das Gamsjoch und das Laliderertal weit unten.

Schnurstracks geht es jetzt auf die Fleischbank zu, steil empor zum Gipfel. Wir aber laufen unten entlang auf dem anspruchsvollen Steiglein, wie dieser schmale und eindrucksvolle Pfad mit Tiefblick in meinem Karwendelführer beschrieben wird. Steiglein. Wie kommt man nur auf diese Verniedlichung! Fantastisch noch immer der Blick aufs Kernkarwendel und ins Johannistal mit der senkrechten Lalidererwand im Hintergrund. Die Falkenhütte sieht man leider nicht - ein guter Grund, ihr bald einen Besuch abzustatten. Langsam wird die Flanke zahmer und wir erreichen die normale Aufstiegsroute zur Fleischbank. Wie es aussieht, hat unser Höhenflug auf diesem langen und teils schwierigen Gebirgspfad sein Ende gefunden. Nicht aber der psychische Höhenflug, das, wofür unsere Trailrunnerherzen schlagen.

Dieses Wahnsinnsgefühl zum Abheben erleben wir aber erst nach und nach auf diesem pfundigen Downhill, den wir nach vielen Stunden auf den Beinen von Wonne gehoben und von Quellwasser berauscht, quietschfidel hinuntersausen, gut 1000hm bei einem Gefälle von 14,2%, wie Christian unter Berücksichtung des Tangas, oder so ähnlich ;-), ausgerechnet hatte. Ausgelassen wieseln wir die engen Serpentinen hinunter, einer hinter dem andern, es gibt kaum Stufen und auch sonst keine schwierigen Passagen, und bald hat Christian die Idee, diesen sonnenbeschienenen Trail im Spätherbst oder Winter mal hochzulaufen. Heute kitzeln uns Sommergräser und nichts kann uns aufhalten, höchstens eingefangene Zecken. Das prüfen wir hin und wieder an Ort und Stelle, denn zum tödlichen Sprung für dieses Viechzeux ins eiskalte Wasser der Riß, ist es noch ein bisschen hin.

Hier der Track: Hinterriß - Plumsjochhütte - Kompar - Fleischbank - Vorderriß Alpengasthof 23km

In the meantime: Real Good Time"~ Aaron Watson

Kompar - Fleischbank

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Blick in die Eng und auf das Gamsjoch

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