Trailrunning - Kompar und Satteljoch - 9.9.15

Winni Mühlbauer - Trailrunning im Karwendel Kompar, Satteljoch und Plumsjochhütte - 9.9.15


9.9.15
Links liegen gelassen
Winni

Phhhhhhhh ... tief durchatmen ... endlich wieder im Karwendel. Schön ist es hier. Auch wenn ich mir blauen Himmel und Fernsicht gewünscht hatte. Immerhin wurde es auf der Fahrt in Richtung Eng immer besser, die Wolken lockerten ein wenig auf und die Sonne lugte durch. Langsam enthüllten sich auch die meisten Gipfel, nur die spektakulären der Lalidererwände nicht.

Es hat 14 Grad im Schatten. Ich hoffe auf mehr Sonne, biege auf den schon gut besetzten Parkplatz 8 bei den Hagelhütten, mache mich fertig und laufe gegen 11 Uhr los. Vor mir liegen erstmal gut 1000hm. Eigentlich kein Problem, man läuft einfach nur, bis man oben ist. Heute aber stelle ich mir schon bald eine ernste Frage: Was habe ich läuferisch die letzten 2 1/2 Jahre gleich wieder gemacht? Ach ja, Trailrunning: Bergaufundbergab-Laufen auf Wegen und Pfaden. Und wie geht das gleicht wieder?

Ich komme einfach nicht in die Gänge, zudem nervt mich mein Fußhebemuskel, wie schon beim Laufen im Flachen. Habe ich zu lange pausiert? Hab ich mir durch das Faulherumliegen am See etwa eine beginnende Sarkopenie eingefangen? Kann eigentlich nicht sein, bei den Mengen an Kreatin, das ich mir zufüttere. Zudem habe ich beim Faulenzen am See durch Nahrungsverweigerung (intermittierendes Fasten) die mitochondriale Dichte in meinen Muskelzellen erhöht, die mir jetzt noch mehr Fett absaugen (β-Oxidation) und entsprechend mehr ATP liefern. Eigentlich hätte es gleich von Anfang an im Schweinsgalopp losgehen müssen. Ging es aber nicht.

Nach wenigen Minuten erreiche ich einen kleinen Wasserfall und quere ein Bachbett, beginne mit der Natur zu flirten, berausche mich langsam aber stetig an der Bergkulisse, und ohne dass es mir recht bewußt wird, läuft plötzlich alles wie am Schnürchen. Ein ganzes Stück laufe ich den Forstweg hinauf, schaue durch die weit offenen Fenster mal auf massive Felswände, mal hinüber zum domianten Gamsjoch am Ende der Eng. Ich erreiche einen Pfad und sehe zum ersten Mal weit oben mein Ziel. Sieht von hier aus wie ein Grashügel, ist aber ein echter Zweitausender, der auf der anderen Seite rauh steil abfällt. Den Tipp für diesen Berg bekam ich von Christian, der leider nicht mitkommen konnte. Ausgesucht habe ich mir den Kompar, weil ich möglichst viel in der Sonne laufen wollte an diesem nicht gerade warmen Tag. Etwa auf halber Höhe erreiche ich den Hasentalalm-Mittelleger (1563m). Die landwirtschaftlich genutzte Alm liegt auf einem freien Grasbuckel, von wo aus man gut auf das Naturdenkmal großer Ahornboden blicken kann, das, wie es sich für ein Denkmal gebührt, heute immer wieder von der Sonne beleuchtet wird. Auch mich verwöhnt die Sonne, und weiter geht's auf dem Singeltrail, der keine großen Herausforderung bietet, so dass ich immer wieder mal links und rechts blicken und die Schönheit um mich herum genießen kann.

Nach einem Abzweiger unterhalb vom Satteljoch in Richtung Plumsjochhütte halte ich mich links und laufe schnurstracks auf den Kompar zu, der inzwischen auch sein schroffes Gesicht zeigt. Unterhalb des Gipfelaufbaus erreiche ich erneut einen Abzweiger. Geradeaus geht es weiter zur Fleischbank, rechts steil nach oben entlang an Latschen. Am Gipfel treffe ich einen flippigen Vater mit schütterem Haar und Pferdeschwanz, der neben seinem volljährigen Sohn sitzt. Nein, sagte er, ein Kreuz gibt es hier nicht, nur einen Vermessungsstein. Wir plaudern über den Karwendel, sitzen dabei meist in der Sonne und freuen uns über den tollen Tag. Beide werde ich nochmal treffen, auf der Plumsjochhütte bei einer Brotzeit, und als ich sie dort fragte, wie sie so schnell hier her gekommen sind, meinten sie, wir haben dich einfach links liegen gelassen.

Stimmt, bei mir ging es oben herum. Die meisten wandern vom Kompar direkt zur Plumsjochhütte und lassen das Satteljoch links liegen - und verpassen etwas Einzigartiges.

Das Satteljoch ist ein unspektakulärer langgezogener flacher Bergrücken, und vielleicht deshalb kein Anziehungspunkt für Wanderer. Für Trailrunner aber ist diese kleine Hochebene ideal zum Austoben, dazu ist die Sicht grandios. Die Bezeichnung Sattel ist treffend, denn tatsächlich befindet sich in der Mitte dieses Rückens eine Mulde, die - egal, ob man von Osten oder Westen kommt -, nicht einsehbar ist. Noch aber stehe ich auf dem Kompar, schaue auf meinen weiteren Weg und laufe erstmal vorsichtig den steilen Pfad hinunter. Immer wieder bleibe ich ich stehen und blicke auf die Eng weit unten direkt vor mir, auf die ich, so kommt es mir fast vor, zufliege.

Wenig später laufe ich in Begleitung der Sonne hoch zum Satteljoch, mal die Direttissima, mal dem wenig ausgetretenen Pfad folgend. Die Endorphine spielen verrückt. Nach einem kleinen Anstieg stehe ich unvermittelt vor einer kleinen Senke, und ich bin geblendet von weißen Kalksteingebilden, die mich an irische Steinmauern erinnern. Sie stehen nahezu parallel und bilden Karrees für die Kühe hier. Unten in der Senke spiegeln zwei kleine Tümpelchen, überall wächst saftiges Gras. Sogar einen Miniberg hat es hier; halt alles, was ein Kuhherz so begehrt. Der einzige Fremdkörper bin wohl ich, und der wird ganz genau beäugt. Dennoch lasse ich mir viel Zeit, setze mich hin und erfreue mich daran, mit ihnen hier sein zu dürfen. Erst der kühle Schatten einer Wolke erinnert mich daran, dass ich aufbrechen und dieses Refugium für Kühe verlassen sollte. Als wäre ein Tür hinter mir zugeschnappt, kann ich nach wenigen Schritten von diesem Kleinod auf knapp 2000m nichts mehr sehen. Ich laufe auf ein klassisches altes Holzkreuz zu, lasse mich kurz nieder und mache mich dann hintenherum auf dem Weg zur Plumsjochhütte. Den Schlenker zum Mondscheinkopf (Plumsjoch) erspare ich mir (das hat mich hinterher geärgert), da die Wolken dichter geworden sind und die Zeit fortgeschritten war. Da saßen sie also an der urigen Plumsjochhütte (1630m), Vater und Sohn, und ließen es sich gut gehen. Als ich mich nach einer kurzen Stehpause aufmachte, riefen sie mir noch nach, dass wir uns dann unten am Parkplatz wiedersehen würden und sie mich diesmal rechts überholen werden.

Nixda! Denn runter ging es anders als gedacht. Nicht den Fahrtweg, der von der Hütte aus zu sehen war, sondern einen Singeltrail, der sich hoch über dem Plumsbach hinunterschlängelt bis zur Plumsalm (1432m). Ich lief über Wurzeln, kleinere Steinbrocken, mal im Wald, dann wieder entlang an Wiesen, überquerte einige Bachläufe, genoss den Blick zurück und die schöne Welt der Berge vor mir hier im Karwendel. Obwohl fast schon unten, ahnte ich nicht, dass die "schwierigste" Passagen noch vor mir lag. Nach der Plumsalm treffe ich erstmal auf den Fahrtweg, aber schon bald geht es auf dem Trail weiter hinein in den Wald und runter zum Rißtal. An einer Kehre am Fels entlang ist der Boden ausgewaschen und grober Gesteinssand mahnt mich, vom Gas zu gehen. In der Kehre selbst ist der errodierende Boden zudem noch stark abschüssig, und ich bin froh, mich mit den Stöcken sichern zu können, da die Felsen keine Möglichkeit zum Festhalgen boten. Nach gut 5 Stunden mit vielen langen Pausen komme ich an den Hagelhütten an. Hinter mir liegen etwa 15km und 1100hm. Vor mir die Heimfahrt, die ich, wie nach jedem Genusslauf, völlig entspannt und zufrieden antrete.



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Blick auf die Montschein-Spitze Im Vordergrund: Satteljoch (1935m)


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