Trailrunning: Fleischbank - Schönalmjoch

Winni Mühlbauer - Trailrunning im Karwendel: Schönalmjoch - 22.12.16


22.12.16
Fleischbank Auflauf (Copyright by Christian)
Winni + Christian

Das Leiden hat ein Ende. Zwei Monate ohne ein Herumsausen in den Bergen kann krank machen. Vor allem auch, weil es die letzten drei Wochen eine inverse Wetterlage hatte; oben Sonne, unten Mond, oder so ähnlich. Aber es ging nicht anders, das Weihnachtsgeschäft.

Um 8 Uhr fuhren wir in München los. Blau der Himmel, leer die Autobahn. Ab der Ausfahrt Holzkirchen winterliche Landschaft, Schnee und Rauhreif. 3,5 Grad Minus. Wir rauschen durch Bad Tölz und das sonnenverwöhnte Lenggries und landen am Tor des Winters, am Sylvensteinspeicher. Einen Kilometer weiter beträgt die Außentemperatur -9,5 Grad C. Die Kälte vom Speichersee, so Christian, schwappt hier runter zum tiefsten Punkt. Wir sind angespannt neugierig, wie es in Hinterriss sein wird. In aller Herrgottsfrüh um 9:30 Uhr parken wir das gepökelte Auto nahe dem Mauthäuschen (960m). Schattig ist es. Immerhin hat es aber schon angenehme -7,5 Grad. Die ideale Temperatur, um beim Umziehen ein wenig die Thermogenese zu genießen. Viel mehr als das aber genießen wir etwas anderes: Den Blick zum bewaldeten Bergrücken hoch, der hellgrün in der Sonne leuchtet und sich deutlich vom tristen Graublau hier unten abhebt. Unser Grinsen wird breiter. Vor mehr als einer Woche fiel hier der letzte Schnee, die Pfade dürften überwiegend frei davon sein.

Langsam traben wir los auf der schneebedeckten Mautstraße talauswärts, eisige Luft durch die Nasenlöcher ziehend, ungewohnt noch, aber wohl bald Normalität. Wir erreichen das Schild Schönalm, von wo aus der Aufstieg (für uns Auflauf) zur Fleischbank beginnt. Erstmal geht es weglos über eine vereiste Wiese und dann rechterhand über einen Bach, bis uns ein markierter Steig Meter für Meter der Sonne näher bringt, und der Wärme, denn auch heute wird es oben viel wärmer sein als unten. Nach ein paar Serpentinen mit wenig oder keinem Schnee bleiben wir stehen und schauen der Sonne dabei zu, wie sie sich zögerlich hinter einem Felsmassiv hervorschiebt. Schon ist es einige Grad wärmer und beim Weiterlaufen beginne ich zu schwitzen. Christian im Prinzip auch, nur hat der sich von einer Schicht befreit, zudem läuft er heute ohne Trinkrucksack. Er liebt es minimalistisch und hat heute nur eine Trinkflasche zum Befüllen dabei. Von unserer Kompar-Fleischbank-Tour wissen wir, dass es hier zwei Bäche gibt. Ideal für einen Testlauf.

Wohlig warm ist es uns auch, weil nur ein Hauch von Wind weht. Wintersonnwend. Wie war das doch gleich zur Sommersonnwend? Wintereinbruch in den Alpen. Sauwetter, Schnee und Matsch beim ZUT.

Leichtfüßig laufen wir den nicht allzusteilen Trail weiter hoch, der stellenweise wie geleckt daherkommt und nur hin und wieder eine Schnee-Eis-Auflage hat. Ganz selten geht es durch tieferen Schnee, und dort verrät uns eine Spur, dass wir nicht alleine hier sind. Den Wanderer überholen wir auf halber Höhe. Nach weiteren engen Serpetinen landen wir vor der idyllisch gelegenen Jagdhütte Steilegg (1558m) und lachen mit der Sonne um die Wette. Mittlerweile ist es noch wärmer geworden. Auf gerademal 600 Höhenmetern sind wir vom tiefsten Winten in den Frühling gelaufen, die Herzerwärmung ist mit Worten nicht zu beschreiben.

Das fehlende Bier hier an der Hütte macht es uns leicht, uns wieder loszueisen (Dieses schwache Verb mag hier so gar nicht passen). In Schleifen laufen wir weiter bergan, durch lichten Wald und vorbei an Latschen, bis wir eine Wandertafel erreichen. Diese weist zur Schönalm. An dieser Kreuzung werden wir auf dem Weg nach unten rauskommen, wenn wir die Runde oben herum gelaufen sind. Erstmal geht es weiter geradaus hoch zum Kamm, der die Fleischbank und das Schönalmjoch (1986m) verbindet. Oben angekommen laufen wir unterhalb des Kamms links hinüber, laufen zum ersten Mal durch Tiefschnee, überwinden eine kleine harmlose Kletterpassage, bis der Blick frei wird zum Südhang des Schönalmjochs. Wie der Name schon verrät, ist dieser grasige Berg eine Alm, die selbst im Sommer nur wenig besucht wird. Wo Kühe weiden, sind Furchen, und so springen und balancieren wir bereits auf dem Weg zum Anstieg auf einem Kuh-Trail von Büschelkopf zu Büschelkopf, oder wie immer man dazu sagt, vorsichtig, um nicht mit dem Fuß in einem zugeschneiten Loch zu landen. Im Sommer dürfte dies richtig schwierig sein, vor allem nach Regentagen. Bald geht es weglos weiter nach oben, der Sonne und dem blauen Himmel entgegen. Der Blick hinüber zum Schafreuter hier schon gigantisch. Jede kleine Kontur zeichnet sich deutlich durch den flachen Lichteinfall ab. Die Schafreuter-Tour erinnere ich besonders gern, war es doch der erste gemeinsame Lauf von Christian und mir.

Ein Anfang, dem viele weitere fantastische Läufe in den Bergen folgten. Eine Laufkumpelei geprägt von dem stillen Einvernehmen, dass Trailrunning kein Gehetze sein sollte, sondern Genuss, verbunden mit dem Gefühl, frei zu sein.

Dieses Gefühl der Freiheit haben wir selten so stark gespürt wie heute, als wir zwei Tage vor Weihnachten schweigend auf dem Schönalmjoch standen und rundum blickten, angekommen im Frühling bei nahezu Windstille und kristallklarer Luft. Wir stehen und staunen, schauen ringsum in den uns lieb gewordenen Karwendel, zur imposanten Soiernspitze, weit hinüber zur Zugspitze, dann wieder in die andere Richtung: Zum Schafreuter, Delpsjoch und Demeljoch. Sogar die Blauberge heben sich deutlich vor dem winterblauen Himmel ab, ebenso Roß- und Buchstein. Imposant auch der Kamm etwas unterhalb direkt vor unserer Nase, der uns hierher gebracht hatte, und der weiter führt hinauf auf die Fleischbank.

An einem Tag wie heute ist es schwer, sich satt zu sehen, und so packen wir, jeder für sich, in Gedanken die schönsten Eindrücke ein und machen uns mit ihnen auf den Rückweg. Der führt uns hinunter in Richtung Roßkopf (1839m). Die weglose Senke zwischen ihm und dem Altjoch hat weniger Schnee als befürchtet, allerdings erschweren auch hier die Kuh-Trails das Laufen. An einen Flow ist nicht zu denken. Nicht lange aber, und schon sind wir wieder auf einem trockenen Trail, der uns an der Kreuzung ausspuckt, wo wir hochgekommen sind. Wortlos schauen wir uns an und freuen uns. Beide wissen wir, was jetzt kommt: Einer der flowigsten Downhills den wir kennen, 800 Höhenmeter in vielen Schleifen hinunter, technisch einfach und nahezu frei von Stufen und Felsen, ein Singletrail wie aus dem Bilderbuch, der immer wieder den Blick frei gibt auf das mächtige Massiv der Sonnjochgruppe mit der Bettlerkarspitze vor uns. Diese grauen Felswände erleben wir unecht, wie eine riesige in Grautönen gemalte Theaterkulisse, die von einer Riesenhand über den Horizont geschoben wurde. Auch wenn wir noch immer in der Sonne unterwegs sind, auf die Feldwände dort fällt nur noch Restlicht, das jegliche Kontur verschwimmen lässt.

Ausgelassen laufen wir den Trail weiter, bis zu der Stelle, wo wir wieder in den Schatten eintauchen. Wir schauen hinunter ins dunkle Blaugrau, ins Risstal, in dem es keine warmen Farbtupfer mehr gibt. Mit einem Flow, wie er stärker auf einem Wintertrail kaum sein kann, verlassen wir den Frühling und näheren uns Meter um Meter dem Winter, dem eisigen hier im Tal auf knapp 1000m. Noch ein Stück über die Wiese, und wir landen wieder auf der Mautstraße. Mich überfällt eine Euphorie, die mich antreibt, auf der verschneiten Straße eine Pace im Wettkampfstempo hinzulegen und Christian und mich dann in einem 5er-Schnitt zum Auto bringt. Ja, es ist kalt hier, bitter kalt. Die Kälte aber macht uns nichts aus, auch nicht beim Umziehen, denn unsere Herzen sind mit Wärme gefüllt.

Es war keine lange Runde, gerademal 14,5km mit immerhin 1220hm. Heute zählte etwas anderes: die überschwängliche Freude, gemeinsam Ende des Jahres ein Geschenk genutzt zu haben, einen kostenlosen Tag in den Bergen der uns innerlich reich gemacht hat.

Bei mir sollte es noch vor Silvester ein Läufchen geben, geplant ist der Simetsberg, leider allein. Christian fährt für eine kurze Zeit weg.

Bis dahin: Wally West and them Lost bound Souls -Gypsy Son LIVE

Zurück

Weiter

Karwendel - Fleischbank Aufstieg + Schönalmjoch

Klicken Sie hier, um zur Galerie zu gelangen.

Wintersonnwend im Karwendel - 2016 Blick vom Schönalmjoch


Zur Übersicht