Winterlauf - Rotwand - 12.02.15

Winni Mühlbauer Winter Trailrunning - Rotwand - 12.2.15


12.2.15
Invasions-Wetterlage
Winni

Wenn Flachländler sich bei Nebel und Kälte in ihre Autos setzen und die Gipfel der nahen Berge stürmen mit einem einzigen Ziel, oben das Licht und die Wärme der Sonne zu genießen, dann nennt man das Invasions-Wetterlage.

So eine hatten wir heute, der Sturm der Massen war aber eher ein laues Lüftchen. In Miesbach der übliche Stau, immer noch im dicksten Nebel. Aber kaum passierte ich das Schild am Ortsende, war ich geblendet von der Schönheit des blauen Himmels über mir, dem Reif an den Bäumen und den tief winterlichen Impressionen, wohin ich auch schaute - und überall: Wintersun.

Heute ist Donnerstag, und es gab Gründe, zu Hause zu bleiben. Gründe aber haben keine Macht über mich.
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"Alle Gründe die ich habe, um mit dem Laufen aufzuhören, haben keine Macht über mich,
weil sie nicht Teil von mir sind. Sie sind nicht Teil von mir, weil sie mir bewußt sind. Weil
sie mir bewußt sind, haben sie an sich keinen Bezug: Ihre Bedeutung wohnt ihnen nicht inne,
ist nicht intrinsisch. Was für eine Bedeutung sie auch haben mögen, ich muss sie ihnen erst
zuweisen. Und diese Zuweisung ist meine Wahl. Das ist die Kernthese von Das Sein und Nichts,
Satres monumentalem Frühwerk, das zugleich sein bestes ist. [...]. Und da der Grund etwas ist,
das mir bewusst ist, muss seine Bedeutung von mir kommen. Deshalb wird es immer eine Kluft
geben zwischen den Gründe, die ich habe, und den Dingen ich tue, und in den Gründen selbst
ist nichts, das diese Kluft überwinden könnte. Freiheit besteht in dieser Kluft. Ich bin in dem
Maße frei, in dem meine Gründe mich nicht zwingen können."
Mark Rowlands, Der Läufer und der Wolf
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Die Freiheit, an einem Arbeitstag in die Berge zum Spielen zu fahren, nahm ich mir.

Aber was philosophiere ich schon wieder, ich wollte doch ein wenig von meinem Winterlauf erzählen. Los gings im Ort Spitzingsee, am Parkplatz an der Kirche, auf etwa 1085 Meter ü.Meer. Das Ziel war der Rotwandgipfel, aber ohne Schneeschuhe ging dort gar nichts. Immerhin liegt das Rotwandhaus auf 1737 Meter, und 650 Höhenmeter bei den Bedingungen heute, waren auch nicht schlecht.

Vor dem Restaurant “Neue Wurzhütte” bog ich nach der Schranke auf einen asphaltierten Fahrweg ein, der im Schatten vereist war und mich bald zu dem Winterwanderweg führte, auf dem auch gerodelt wird. Für vier Euro kann man sich im Rotwandhaus einen einfachen Holzschlitten ausleihen und herunterdüsen. Aber nur, wenn der Schnee gefroren ist, war er aber heute nicht. Gerademal 10 Schlitten zählte ich auf dem Schlittenparkplatz, als ich auf dem Rückweg gegen 14 Uhr 30 hier vorbeikam. Beim Rauflaufen kamen zwei Rodlerinnen auf mich zugekrochen. Runterkriechen werde ich heute bestimmt nicht, wußte ich schon beim Hochlaufen, da dieser Weg mit einer dicken, von einer Pistenraupe präparierten Schneedecke für einen schnellen Downhill wie geschaffen war. Erstmal aber gings hoch, und das wiederum war beschwerlich, da diese Schneedecke an der Oberfläche weich war.

Wenn auch beschwerlich, ein gutes Training für die Fußgelenke und die hinteren Oberschenkelmuskeln war es allemal. Bald kam der Schinder in Sicht, auch Roß- und Buchstein traten erhaben aus der sonst eher sanften Silhoutte der nahen Bergekämme und Gipfel hervor, und über allem der unbeschreiblich schöne blaue Himmel. Mein Herz öffnete sich weit, die Endorphine tobten.

Lange habe ich auf so einen Tag gewartet, wie schon einmal, wo es auf die Rotwand ging. Statt schwingendem Sommerkleidchen wie noch im Oktober, sah ich heute alles nur mögliche, womit man sich auf Winterwegen hochbewegt: Schneeschuhe, Skier, Wanderschuhe, und auf dem Weg nach unten traf ich auf halber Strecke zwei kräftige junge Männer, die am Rande des Weges in der Sonne saßen, einen Schlitten neben sich, auf dem sie hinunterfahren wollten. Vielleicht täuschte ich mich auch, aber die beiden sahen schon leicht erschöpft aus, möglicherweise faschingsgeschädigt. Immerhin, auf den Auslöser meiner Kamera zu drücken, schaffte der eine noch. Das wird dann wohl auch der Anschieber sein, wenn es runter geht. Wenn! Denn zu zweit auf einem Schlitten bei diesem weichen Schnee?

Jetzt habe ich mich schon wieder verrannt, noch bin ja auf dem Weg nach oben. Vor sattblauem Himmel und über einem üppig mit Schnee bedeckten Hang thront das Rotwandhaus. Ich hatte es nach 80 Minuten erreicht, wollte aber erst noch auf den Gipfel, bevor ich mich zum Sonnen auf die Terrasse setze. Nach gut hundert Metern gab ich jedoch auf, zu tief sank ich in den aufgeweichten Schnee. Also zurück, in der Hütte umgezogen, ein freies sonniges Plätzchen an der Holzwand ergattert und eine halbe Stunde die Augen geschlossen. Das war so geplant heute. Auf der Terrasse, wo es im Herbst zum Überlaufen voll ist, waren heute etwa fünfzehn Personen. Der Fernblick: überwältigend.

Ich musste weiter, bzw. runter, da ich nur eine Lage Shirt gewechselt hatte, noch immer nassgeschwitz war und schon lange am Rücken fröstelte. Vor mir der Downhill im weichen aber nicht zu weichen Schnee. Fest genug, um meine Speed Cross 3 mal richtig zum Zubeißen zu bringen. Ich flog über den Schneeteppich, ein Flockati mit einer Florhöhe von 10cm, der es mir sogar möglich machte, auf der Ferse zu landen. Letztendlich war es meine Kondition, die mir Grenzen setzte. Auch Downhill kann anstrengend sein, mögen die Endorphine noch so verrückt spielen.

Was für ein Tag! Schon morgen soll es wieder eine inverse Wetterlage haben, aber dann werden es eher keine Gründe sein, über die ich frei entscheiden und entsprechend handeln kann. Nach Satre sind Ursachen das Gegenteil von Gründen, die sehr wohl ein Handeln beeinflussen können, auch abrupt. Die Ursache, die schon anfängt zu wirken, sind "Schmerzen" in den Waden und den hinteren Oberschenkeln. So gibt es morgen Ursachen (keine guten Gründe!), eine Pause zu machen und zu regenerieren.

Winterlauf - Rotwand - 12.2.15

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Blick von der Rotwand

Blick unterhalb des Rotwandgipfels


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