Winni Mühlbauer - Trailrunning am Spitzingsee 16.10.16


16.10.16
Schnee von gestern
Winni

Der Schnee von gestern ist der Batz von heute. Befürchtet hatte ich es, aber nicht glauben wollen. Es kündigte sich ein Sonntag an, der seinem Namen alle Ehren machen sollte, der aber auch alle, die Bergschuhe nicht nur zum Anschauen zu Hause haben, in die Münchner Hausberge lockte. Dazu jene, die nicht im Botanischen Garten oder Nymphenburger Schlosspark Lustwandeln wollten.

Trails liegen viele herum, die Frage also war, wo nimmst du sie unter die Füße. Die Tegernseeer Bergwelt fiel aus (Kilometerlanger Stau schon bei der Autobahn-Ausfahrt). Karwendel liegt zu hoch kurz nach dem Wintereinbruch. Garmischer Autobahn? Nein danke! Bleiben nur die Ostfriesischen Höhenzüge oder die Schlierseeer Region. Dorthin gibt es von München aus zwei Möglichkeiten. Die zweite war immer schon die bessere. Nicht in Weyern raus, sonder am Irschenberg und dann ab durchs Leitzachtal mit seinen Weilern ohne Ampeln.

Geplant war eine Runde vom Spitzingsee aus, die mich zur Rotwand, Auerspitze, rund um die Ruchenköpfe zum Soinsee und über den Miesingsattel zurück zu meinem Aufstieg am Taubenstein bringen sollte. Gut 18km und 1100hm.

In der rekordverdächtigen Zeit von nur einer Stunde erreiche ich um 10:45 Uhr den nahezu vollen Parkplatz der Taubensteinbahn. Von hier aus bin ich mal mit Christian hoch. Damals schien die Sonne auf diesen steilen Skihang und es war schwül. Heute hat sich Schatten draufgepflanzt und es ist kalt. Und derart batzig, dass das geniale Profil meiner Dynafit Feline nach wenigen Minuten braun zugekleistert war. Eine paar Wanderer mit Kindern drehten entnervt um. Die Nikes haben nicht mehr gegriffen. Ich bahne mir meinen Weg selbst, gehe dort, wo noch ein wenig Gras über der Schmiere liegt. Ok, für diesen Schattenhang ist das ganz normal, denke ich, oben wird es besser werden. Wurde es. Erstmal. Wieder im Schatten war das Zeux samt Pfützen und nassem, glattgelutschtem Kalkstein wieder da. Wann endlich werden Trailschuhe entwickelt, bei denen man per Knopfdruck Saugnäpfe ausfahren kann? Blödsinn! Anpassung heißt das Zauberwort. Auch Achtsamkeit, nicht nur im Sinne von Vorsicht. Was allerdings mit sich bringt, dass Zeitpläne ins Wanken geraten.

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Kompromiss: Geht man mit anderen einen Kompromiss ein, kommt meist was Faules dabei raus.
Handelt man mit sich selbst einen Kompromiss aus, ist man hinterher meist sich selbst gegenüber
stinkig. Dem ging ich heute aus dem Weg, indem ich mir bewußt machte, dass es noch etwas
Wertvolleres gibt als die Zeit. Einen Punkt ausserhalb: das Jetzt.
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Nach einer Stunde erreiche ich die Bergstation der Taubensteinbahn. Dort mache ich mich auf den Weg zur Rotwand. Es geht hinein in den Schatten des Taubensteins. Vor mir liegt etwa ein Kilometer alpines Gelände mit einer Seilversicherung, und das alles im Schatten. Meine Schuhe haben kein Profil mehr. An ein Laufen ist kaum mehr zu denken. Den Scheiß rauszupopeln macht wenig Sinn, nach wenigen Schritten schon verliere ich dieses Spiel. Es ist Mittag. Ich beiße in meinen Riegel und überlege. Der restliche Weg zur Rotwand liegt in der Sonne. Entsprechend liegt der Aufstieg hinter der Kümpfelscharte hoch zur Auerspitz im Schatten. Aufstieg ist gleich Abstieg. Der folgende Pfad hinter den Ruchenköpfen herum hinunter zum Soinsee ist um diese Jahreszeit immer tief batzig, sagte man mir vor zwei Jahren. Auch der Aufstieg zum Miesingsattel dürfte im Schatten liegen. Ein Stimme in mir meldet sich. Schlägt einen Kompromiss vor. Ich verschlinge den Rest des Riegels. Und schlage ein.

Mir war klar, was ich jetzt wollte: Laufen. Gehn wir's also an: Ich drehte um und machte mich auf zum Rauhkopf. Der kurze Anstieg ist trocken und sonning. Der Hüpfer auf den Gipfel hat sich gelohnt, die Aussicht ist prächtig. Drüben der Wendelstein. Der einzige Gipfel weit und breit, der eine Wolkenmütze trägt. Weiter geht's hinüber zum Jägerkamp. Obwohl der Pfad hinunter auf dem steilen Wiesenhang entlang der Abrisskante in der Sonne liegt, bin ich auf Schmierseife unterwegs. Zweimal rutsche ich weg und sehe endlich aus, wie Trailrunner aussehen. In der Senke geht es vorbei an einer Hütte, wo ein paar Burschen es sich gut gehen lassen. Hinter einer Bergkuppe lugt die Aiplspitz heraus. Gefragt, wie der Weg dort nauf is, meinte einer, nicht schwer, a Graterl blos, wo ma a paar Mal hinlangen muss.

Ich nehme einen kurzen steilen und nassen Anstieg in Angriff, stapfe zwischen den Steinstufen von Pfütze zu Pfütze, und laufe gleich wieder in der Sonne den etwas längeren aber flachen Anstieg zum Jägerkamp hoch. Hier ist weit weniger los als auf dem Rauhkopf, wo es wuselte, und wo drei Lausbuben im Vorschulalter nichts besseres einfiel, als sich dort aufzuhalten, wo man hinunterfallen kann. Vom Jägerkamp sieht man hinunter zum Schliersee und nach Neuhaus, von wo aus der spannendere Weg hier hoch führt. Schön auch der Blick zur Aiplspitz, die ich mir näher ansehen möchte. Entsprechend führt mich der Rückweg oben herum und ich erreiche das Tanzeck. Dort die Tafel vom DAV. Trittsicherheit. Der schmale Pfad entlang eines Felsen ... natürlich wieder im Schatten und entsprechend bepfützt. Um zwei Ecken gehe ich noch, um die Aiplspitz besser sehen zu können. Jo. Ist was für Bergsteiger. Und zum Ansehen. Ich drehe um. Laufe wieder den Schmierseifenhang hoch, passiere den Rauhkopf und laufe hinunter zum Taubenstein und von dort zum Taubensteinhaus. Ein paar hundert Meter nur, heute schwarzschlammig mit Bächlein. Dafür liegt die Terrasse in der Sonne. Es ist nahezu windstill. Ich hole mir einen Almdudler, wechsle mein Shirt, packe mein Fläschchen mit Hafermehl aus und genieße das Dasein, das Tun ohne Vorgaben und Zwänge, das Leben. Der Lauf war bisher wenig spektakulär, dennoch schön.

Und genauso ging es weiter. Ich laufe links an der Taubensteinbahn vorbei, einen sonnigen Skihang hinunter zur Unteren Maxlrainer Alm und weiter unter der Schleppschliftanlage. Immer wieder muss ich mich einbremsen, was die Oberschenkel zum Brennen bringt. An der Talstation ist die Trailrennerei leider vorbei. Ich erreiche einen Wirtschaftsweg und bald eine Teerstraße. Wenigstens hat die links einen schmalen unbefestigten Streifen, der mich in einem großen Bogen hinunterbringt zum Ort Spitzingsee. Hier ist es schon herbstlich geworden. Frisch weht der Wind. Ich laufe um den halben See herum und freue mich, ein wenig vom goldenen Oktober einsaugen zu können.

Wer hätte das gedacht: Es sind heute immerhin 16,8km und 1080hm geworden.
Es sollte noch was gehen, dieses Jahr.

In the meantime: John O'Reilly - Charlie Robison

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