Trailrunning- Hochgern-Überschreitung

Winni Mühlbauer - Trailrunning Hochgern Überschreitung am 12.10.17


12.10.17
Mit dem Rücken zur Wand
Winni + Christian

Heute also der Wächter des Achtentals, wie der Hochgern (1748m) im Chiemgau auch genannt wird. Auf der Fahrt zum Chiemsee kommen Christian und ich überein, dass wir den ursprünglichen Plan der Umrundung verwerfen und ihn überschreiten werden. So müssen wir nicht die letzten 6km auf einem Forstweg laufen. Wir brechen sehr früh auf und landen um 9 Uhr auf dem Wanderparkplatz in Marquartstein. Nordseite. Brrr... mich fröstelt in den Sommerklamotten. Der Himmel stahlblau, hier unten kein Wind, die Wolken oben aber fetzten von West nach Ost. Gestern noch meinte der Wetterbericht im Radio, Bayern 3: "... im Chiemgau sogar 21 Grad". Ok, ist ja noch früh. Was die Wasserstellen unterwegs betrifft, sind wir vorsichtig. Ich laufe mit knapp 2,5 Liter los. Die Schuhwahl fiel seit langem mal wieder auf den Race Ultra von Inov8.

Wir starten auf einem fürs Chiemgau typischen "gepflasterten" Wanderweg, der bald auf einen Forstweg trifft. Den ziehen wir sehr gemütlich hoch, weil wir viel zu ratschen haben. Übersehen haben wir dabei einen Pfad, der hier deutlich abgekürzt hätte. Hauptsache aber wir bewegen uns und schmeißen den Ofen an. (Mit den Daten von GPsies, siehe unten, lauft ihr gleich den Trail. Die km-Angaben im Text weichen daher um etwa 1km ab.) Vorbei am ersten Aussichtspunkt Windeck (800m) erreichen wir unser erstes Etappenziel, die Schnappenkirche (1085m) am Schnappenberg, der zweite Aussichtspunkt. Vom Kirchlein aus blicken wir hinunter ins sonnendurchflutete Grassau, folgen der Tiroler Ache und bewundern lustige Kringel auf dem Chiemsee, vom Wind gezeichnet. Wehmütig blicke ich hinüber zur Feldwieser Bucht, wo ich viele Jahre meines jungen Erwachsenenseins mit Segeln und Surfen verbracht habe.

Weiter im Mischwald laufen wir auf einem sanft ansteigenden Pfad dahin, das trockene Laub raschelt unter unseren Füßen und oben in den Bäumen, die Wolken jagen noch immer dahin, und auch wir bekommen immer wieder ein paar Böen ab. Wenig später spuckt uns der Wald in einem Kessel auf der Nordseite des Hochgerns aus, an dessen Fuß unser zweites Etappenziel liegt, die Staudacher Alm (1150m). Die ersten 5km liegen hier hinter uns. Bei der nächsten Weggabelung könnten wir den Hochgern schon direkt in Angriff nehmen, die Überschreitung aber machen wir später. Wir folgen den Schildern Vorderalm und Brachtalm, laufen weiter, jetzt auf dem SalzAlpenSteig, bis wir an einer ausgetrockneten Bachreiße stehen bleiben. Die Wand gegenüber wirkt metallen, ziseliert von der Natur und geschmückt mit rostfarbenen Blättern. Hübsch! Der Pfad dran vorbei ist allerdings schmal. Das Laub zum Glück trocken.

In Richtung Vorderalm gewinnen wir nur unmerklich an Höhe, dafür erreichen wir ein Hinderniss, das wir versuchen, weiträumig zu umgehen: eine Moorwiese, über die zwar rechts ein Bretterweg geht, dem wir jedoch mißtrauen. Aber schon davor im Wald schmatzen unsere Schuhe im aufgeweichten Boden. Weiter oberhalb steigen wir gekonnt über einen Stacheldraht und erreichen nach etwas Suchen den weiteren Wegverlauf. Wir orientieren uns in Richtung Hinteralm (1139m) und laufen nach ihr unterhalb vom Köstelkopf in südliche Richtung weiter. Hier zieht der Pfad deutlich an und bringt uns zu einer kleinen, fein rausgeputzen Brotzeitalm, die Bischofsfellnalm (1381m). Geschlossen. Nach der Alm begänne der Forstweg, auf dem wir den Hochgern umrunden könnten, wir aber machen uns auf zum Gipfel. Vor uns liegen 400 Höhenmeter, und leider bewölkt der Himmel zusehens. Der Wind hat auch gedreht. Nach wenigen Metern hören wir ein merkwürdiges Geräusch. Sowas wie "Oacheln" (Christian wird mich sicher verbessern). Er kennt das, hört es aber zum ersten Mal und ist fasziniert. Er meint, es könnte aus dem Keltischen stammen, jedenfalls sei davon "Ache" abgeleitet, weswegen viele Gebirgsbäche auf ... ache enden. Steil geht es hinauf und es wird immer windiger. Unser Steig endet direkt am Grat, wo es drüben gleich wieder hinunter geht. Wir aber laufen erstmal rechts ein paar Meter zum Gipfelkreuz.

Die Sicht ist nicht berauschend, allerdings revidiere ich meine Meinung, dass es im Chiemgau optisch nur langweilige Berge gibt. Die Faszination liegt wie so oft im Detail. So ist das, wenn man früher immer nur übers flache Wasser mit höchstens ein paar Wellenkämmen geguckt hat und sonst vielleicht mal hoch zur Kampenwand. Die war schon immer schön anzusehen. Der Kaiser im Dunst, dafür der Hohen Tauern einigermaßen frei. Lange bleiben wir nicht oben, dazu ist es zu windig. Ein paar Fotos, auch von der kleinen Kapelle am Nebelgipfel, dann machen wir uns auf den Weg nach unten, erstmal zum Hochgernhaus. Befürchtete ich noch, dass es hier ähnlich holprig hinunter geht wie von der Hochries, werde ich angenehm überrascht: Er ist technisch einfach zu laufen und mündet bald in einen flacheren Weg. Hier treffen wir auf die ersten Wanderer. Die einen gehen hinunter, die anderen nach oben. Darunter eine im Sinne von Mollig gut gebaute Dame, die wir wiedersehen sollten. Am Hochgernhaus machen wir kurz Rast und stärken uns. Da ist sie auch schonr: Im dicken Pullover und fester knielanger Wanderhose kommt sie den Weg herunter. Um die Hüfte einen Daunenanorak, an den Füßen feste Wanderschuhe. Darüber dicke, lange, wollene, wohl handgestrickte Loferl. Wir fragen, ob sie nicht nach oben wolle. Sie lacht und meint, nein, es ist heute ein bisschen zu kalt, sie befürchtet, dass sie oben frieren werde ... und sie hätte heute nur ihre ... dünnen Söckchen an. Wir können uns das Grinsen nicht verkneifen. Sie geht weiter, dreht sich nochmal um, lacht und sagt: Typisch Frau halt.

Auch wir machen uns weiter auf den Weg nach unten, laufen einen Pfad, der die Forststraße abkürzt und landen sogleich bei den nächsten beiden Almen (1400m). Der Moaralm und der Enzianhütte. Zwei urige Almen, allerdings mit stark eingeschränktem Platzangebot auf den kleinen Terrassen. Unser Weiterweg führt unterhalb der Moaralm zwischen zwei Almhütten durch, danach ist der Weiterweg nur zu erahnen. Es geht über eine Wiese und von dort hinunter zum Mischwald. Der Schatten hat uns wieder. Auch hier ist die Orientierung nicht ganz leicht, da es viele Wanderwege und -pfade gibt, die sich verzweigen. Wir erreichen einen Pfad, an dessen Anfang Steinmännchen stehen. Bald wird er steil und führt in ein schmales Kar. Nochmal wird es steiler, an ein Laufen ist nicht mehr zu denken. Mehrmals geht es über kurze Wiesenstückchen, und zweimal rutsche ich seitlich über Gras. Mein Schuh, so treu er bisher war, kann das nicht. Ich werde unsicher und hoffe, dieses steile Gelände bald hinter mir lassen zu können. Es wird nochmals steiler. Christian ist hier fast wie eine Gemse unterwegs, mit dem Feline, ich dagegen langsamer als die Kontinentalplattenverschiebung. Aus die Maus. Ich stehe mit dem Rücken zur Wand. Das sieht auch ein nicht mehr ganz junges Paar, das diesen Steig heraufkommt (Wer hat die gerade in diesem Moment hier auftauchen lassen? - eine ernstgemeinte Frage). Wann dieses steile Stück zuende ist, frage ich sie, und unisono kommt zurück, das wird nach unten hin noch schlimmer, deshalb machen wir diese Route im Aufstieg. Und wenn ich hier schon solche Probleme habe ... Ich schaue der Christian an ... Ok, zurück nach oben.

Weiter oben dann laufen wir den Hauptpfad nach links, und der windet sich nicht sehr steil in vielen langen Serpetinen nach unten - da war er wieder, der Flow, der glücklich macht. Ein letztes Stück noch über den Pfad, den wir hochgekommen sind, dann sind wir am Auto. Insgesamt war es eine schönen Runde mit viel Trailanteil und einigen Überraschungen. Dünne Söckchen ...

Hinter uns liegen 20,8km, inkl. Forstweg am Anfang und Abstecher ins steile Gelände. Optimiert mit GPS-Daten auf GPsies 18km.

Bis zum nächsten Mal.
In the meantime: Son Volt "Back Against The Wall"

Hier gehts zum Wetter: www.foto-webcam.eu/webcam/marquartstein/

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Hier der Track auf GPsies:


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