Trailrunning - Blauberge Überschreitung

Winni Mühlbauer - Trailrunning Blauberge Überschreitung - 8.8.16


8.8.16
Frei genommener Traumtag
Winni + Christian

Steht man im Winter am Tegernsee und blickt nach Süden, erhebt sich klar und deutlich ein Bollwerk mit gezuckerten Gipfeln, wuchtig und breit mit stark abfallenden kargen Flanken, angenagt und zerfressen vom Anbranden des Wetters. Im Sommer dagegen ahnt man nur, dass da ein Bergmassiv sein muss, eine Ahnung genährt von einem Kamm, der von blauem Dunst überspült wird, weswegen man dieses Bergmassiv wohl Blauberge nennt.

Es ist Sommer, wenn auch nur tageweise, und dieser Montag heute war herausgeschnitten aus einem Bilderbuch. Nicht nur der Kamm war blau, auch das Dach darüber. Christian und ich hatten mit der Verschiebung unserer Runde von Donnerstag auf Montag einen Volltreffer gelandet.

Auf der Fahrt nach Tegernsee erinnere ich die Worte des laufenden Dr. T.N, der im aktuellen Trail-Magazin darüber berichtet, wie sehr er sich gefreut hatte, dass es beim ZUT (101km) ein Sauwetter hatte, genau wie gewünscht: "Nun setzte 'schöner' konstanter Landregen ein, Laufen unter der Dusche. Statt Schaum am Boden braune Pampe..." Und weiter schreibt er: "Leider ist die Vorstellung von Läufen mit idealem Bergwetter nicht realistisch." Er mag ja Recht haben, wenn man an fixe Wettkampfstage gebunden ist, vergisst aber dabei, dass jede Bindung ein Stück Freiheit raubt.

Frei zu sein, statt Wettkämpfe zu bestreiten, beschert viele sonnige Tage in den Bergen, wenn die Berge vor der Haustüre liegen und die Arbeit auch mal liegen bleiben darf. Und so ein frei genommener Traumtag war heute, ein Sinn füllender Tag auf Trails durch eine bezaubernde Landschaft, der Eindrücke hinterläßt, die ein Leben lang bleiben.

Der Vorschlag von Christian, die Runde im Uhrzeigersinn anzugehen, gefiel mir. Er kennt mich und meinen Bammel vor exponierten Stellen. Er schreibt: "Der Halserspitz ist also der erste Gipfel und die steilen Stellen haben wir gleich am Vormittag, wenn wir noch frisch sind, und bergauf ist das alles halb so wild." Um 8:30 Uhr laufen wir am Parkplatz Siebenhütten hinter Wildbad Kreuth los, erstmal entlang der gurgelnden Weißach, die Halserspitz und ein Stück vom Kamm immer im Blick, bevor es in den Wald geht und der Pfad sanft ansteigt. Uns fröstelt, was wir genießen. Nach den sanften Höhen des Wenigberges wird es steiler, und aus dem Laufen wird ein schnelles Gehen. Wir reden und schweigen und genießen die feuchte Frische und die klare Luft. Nach einer Weile schaue ich auf die zurückgelegten Kilometer auf meiner Uhr und kann es kaum glauben, dass wir die ersten 4km schon hinter uns haben. Ich dachte, dass es bis zur Halserspitz etwa 7km sind, der Berg aber war noch immer weit weg und wir hatten noch lange nicht seinen Fuß erreicht. Ab da würde es spannend für mich werden - es sind einige ausgesetzte Stellen zu meistern.

Erstmal aber laufen wir noch abwechselnd über Wurzeln, weichen Waldboden und festen Singeltrail, bis plötzlich die rauhe und zerfurchte steile Nordflanke der Halserspitz vor uns auftaucht. Nicht so steil wie die Wolfsschlucht, die wir außen vor lassen, aber steil genug und ohne erkennbaren Pfad. Ich frage Christian, und der deutet irgendwo hin und meint, dort hinauf, und auch, dass am Gipfel ein "Bus" ist.

Unterhalb der steil aufgebauten Halserspitze wird es luftiger, mal säumen Latschen den Pfad, mal ist die Sicht nach unten frei. Ich konzentriere mich auf das schrofige, leicht ausgesetzte schmale Stückchen Weg und stapfe hoch, bewältige die erste heikle Stelle, und latsche weiter. Immer wieder bleibe ich stehen und blicke nach oben, auf das, was vor uns liegt. Die nächste heikle Stelle: eine glatte Felswand, die genommen werden muss, um wieder auf den Trail zu gelangen.

Was bin ich froh, dass ich mir doch noch den Trail-Schuh gekauft habe, den mir Christian gebetsmühlenartig verordnet hatte: Den Dynafit Feline SL! Wie fein, dass ich ihn um 50% reduziert für 74,50 erwerben konnte! Endlich, endlich habe ich "Steigeisen" an den Füßen, wenn es über ruppigen Fels geht, gleichzeitig Haftung auch auf feuchtem Kalkstein. Zum Klettern geht er auch; also Arschbacken zusammen und hoch.

Bleibt noch die dritte heikle Stelle. Die erreichen wir, als wir uns noch etliche Höhenmeter steil in Richtung Gipfel hochgeschraubt hatten. Das sandige schmale drahtseilversichterte Weglein oberhalb eines Abbruchs mit dem Charme einer Mondkraterlandschaft ging noch. Drüben angekommen sah ich, dass Christian auf der anderen Seite noch immer am Ratschen war mit zwei Mädels, die auf dem Weg nach unten waren und wohl furchtbar viel zu erzählen hatten, während sich mein Magen mehrfach umgedreht hatte und ich kurz davor war, in die Hosn zu machen. Immer wieder blicke ich auf das kurze vor mir liegende Gelände, ein steiles Stück zum Klettern, das überwiegend sandig war und gefährlich zur Rinne hin abfiel. Und Christian? Der ratschte noch immer. Bin gespannt, was mein Meister mir da raten wird, wenn er dann mal wieder Zeit für mich hat. Nach einer gefühlten Stunde kommt er endlich angesaust und sagt: Magst du da hinauf, oder ums Eck herum den anderen Aufstieg? Puh! Meine mit Luft gefüllten Backen lassen Dampf ab. Diese kleine Kletterei ein paar Meter weiter war nicht so wild, und bald treffen wir auf den Kammweg, der von der Karspitze auf die Halserspitze führt. Nochmal Puh! Das Schwere liegt hinter uns, das luftig Leichte vor uns.

Wir schauen schon mal auf den Kammweg, der uns in vielen Auf und Abs zur Blaubergalm bringen wird. Adlerauge hat auch schon wieder den "Bus" entdeckt, und ich sage, wir sollten uns sputen und versuchen, ihn einzuholen, vielleicht sind ein paar nette Mädels darunter. Adlerauge aber sagt: "Das willst du nicht!".

Erleichtert laufe ich mit meinem Meister den geraden Gipfelpfad zur Halserspitze (1862m), wo wir eine längere Pause einlegen und den Rundumblick genießen. Noch näher am Guffert wirkt er noch protziger, ganz anders, als wir ihn auf unserer letzten Tour vom Demeljoch aus gesehen haben. Da waren es zwei schmale, hoch aufragende Spitzen. Hier zeigt er sich mit geschwollener Brust.

Vor allem aber schauen wir nach Westen, hinweg über den Gipfelpfad, dessen Verlängerung uns den weiteren Weg unserer Runde zeigt, den Blaubergkamm, dessen Verlauf als Luftlinie fast mit Lineal gezogen sein könnte, uns aber in einer Folge von Hinaufs und Hinunters über die Gipfel dieses landschaftlich grandiosen Bergmassivs tragen wird: Karspitze (1800m), Blaubergkopf (1787m), Blaubergschneid (1787m), Wichtlplatte (1765m) und Predigtstuhl (1562). Von dort ist es ein Hüpfer in die Blaubergalm mit den bekannt unfreundlichen Wirtsleuten. Die Idee von Christian, diese Runde im Uhrzeigersinn zu Laufen, war doppelt genial. Nicht nur, dass wir die heiklen Stellen gleich am Anfang im Hochgehen nehmen konnten, sondern auch, dass wir den Kammverlauf in seiner gesamten Schönheit mehr bergab als bergauf laufend genießen konnten. Das Trailrunning über diesen Grat oder Kamm zu beschreiben ist schwer in Worte zu fassen, weshalb wir gerne die Bilder sprechen lassen wollen. Mag sich jeder selbst die Frage stellen, wie es hier wäre, wenn es grau in grau wäre und regnete.

Steil geht es in kurzen Serpentinen einen sandigen und geblockten Pfad von der Wichtelplatte hinunter zum Predigtstuhl, so steil, dass der "Bus" stecken blieb und wir ihn überholen konnten. Christian kollidierte fast mit ihm, denn die letzte Wanderin der Gruppe aus Männlein und Weiblein, die wohl die ganze Gruppe ausgebremst hatte, erschrak und stürzte trotz Stecken, als Christian locker flowig hinter ihr aufgetaucht war. Ganz Kavalier half er ihr auf und ein paar Meter weiter hinunter. Als ich den "Bus" erreicht hatte, war Christian schon wieder weg und nicht mehr zu sehen. Ich erreiche die Blaubergalm. Da stand er, in der Alm in der Reihe vor dem Zapfhahn, noch bevor die Insassen des Busses hier eingefallen waren.

Mit neu aufgeladenen Batterien machen wir uns auf, die noch knapp 900hm und 6,5km hinunter nach Wildbad Kreuth anzugehen. Und als wären die bisherigen Trails, eingebettet in allerschönste Berglandschaft, nicht schon großartig genug gewesen, wartet noch ein weiteres Schmankerl auf uns, der schnell laufbare Wald-und-Wiesen-Pfad ab dem Graseck über der Königsalm. Erstmal aber geht es vorbei am Schildenstein (1613m), den man nicht mehr zu den Gipfeln der Blauberge zählt, ihn zu besteigen es sich aber lohnt - siehe Trailrunning Schildenstein - Blaubergalm. Wir lassen diesen Gipfel aus, laufen den technisch nicht leichten Wanderweg weiter und erreichen das Graseck (1205m).

Mit Blick auf den netten kleinen Aussichtsberg mit markanter Statur, den Leonhardtstein, sausen wir hinunter, vorbei an der Geiß-Alm mit seinem Griesgram, der gerade eine seiner Kühe tränkt und vielleicht stolz auf das Schild "Wir verkaufen nichts", wohl eher aber genervt ist, wenn seine bescheidene Alm mit der Königsalm verwechselt wird. Wie vom Hafer gestochen laufen wir weiter, hinein in den Wald, wo es mal wurzelig, mal wie geleckt dahin geht, bis wir an einem steileren Stück denken, uns kommt ein Waldgeist entgegen. Schleppt doch da einer mit dickem Ranzen sein E-Mountain-Bike hoch, schafft es alleine kaum, es über einen quer liegenden Baum zu hieven, hat aber noch Luft genug, uns zu fragen, wie lange das in etwa hier noch so weiter geht. An Christians Antwort kann ich mich nicht mehr erinnern, zu sehr schüttelte ich mich innerlich vor Lachen. Da schleppt ein Touri sein schweres E-MB 4km auf einem wurzeligen steilen Pfad nach oben, um dann den Forstweg über die Königsalm hinunterradeln zu können.

Auch die schönste Runde geht mal zu Ende, und diese hier - mit 20km und ca. 1380hm - war unser absultes Highlight so far. Wir tauchen unsere heißgelaufenen Körper ein in die Weißach, während unsere Biere herunterkühlen auf 6 Grad C., sitzen in der Sonne, unterhalten uns und sind vor allem eins: glücklich.

Hier der Track: Halserspitz - Blauberggrat 19km

In the meantime: "Blue Ridge Mountain" - Hurray For The Riff Raff

Halserspitz

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Halserspitz (1862m)

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