Trailrunning - Breitenstein u. Wendelstein 4.6.15

Winni Mühlbauer - Trailrunning - 4.6.15 Breitenstein - Wendelstein - Birkenstein ;-)


4.6.16
Wallfahrt
Winni

Erstmal aber das: Wer wissen will, wie man sich mit einer Faszienrolle einen Rippenanbruch holen kann, darf sich vertrauensvoll an mich wenden.

Der Himmel war endlich mal wieder blau, die Temperaturen hoch, dazu wehte ein angenehm frisches Windchen. Die Gedanken in meinem Kopf aber waren düster: wird die 10. Rippe halten? Wallfahrten also war angesagt, ein Bittgesang an die Madonna, die Suche nach Heilung. Birkenstein war dafür ideal, liegt es doch am Fuße des Breitensteins. Der Ursprung der Kapelle geht auf einen Traum zurück, den der Pfarrer Mayer von Fischbachau hatte. Während des Betens überkam ihn ein leichter Schlaf und die Mutter Gottes versprach: „Hier an diesem Ort will ich verehrt werden, und denen die mich hier anrufen, meine Gnade mitteilen“. Hoffentlich hilft es, wenn ich nur gläubig bin.

Um 10:30 Uhr bin ich startklar. Geparkt habe ich auf dem erst besten Parkplatz, das mobile Schild "Durchfahrt verboten" habe ich ignoriert, es war ja ein Feiertag. Zunächst ging es ein kleines Stück durch Birkenstein. Hoch zur Kapelle schaute ich nicht, wollte mir nicht die Illusion der Wallfahrt nehmen. Sondern, wie es sich gehört, mich langsam auf vielen Kilometern dem heiligen Ort nähern.

Im Kopf noch immer der Gedanke, dass ich heute herumeiern werde auf ein paar wenigen Kilometern, spätestens dann, wenn es vom Gipfel heruntergeht, denn da werde ich viel springen müssen. Und Springen ging bis vor ein paar Tagen gar nicht. Eine kleine vermessene Idee aber ließ sich nicht aus dem Kopf schlagen, hartnäckig zickte und bockte sie da in ihrem Kämmerchen: Wenn der Downhill ohne Schmerzen gelingen sollte, könnte ich ja auf einem Abzweiger nach links noch auf den Wendelstein laufen. Rechts ginge es zurück nach Birkenstein.

Ich laufe los, tauche ein in den Schatten eines sanft ansteigenden Singletrails, der mich zur Bucheralm bringt. Kurz danach wird's steil. Weit und breit kein Schatten, aber immer noch ein kühlendes Winderl. Ich gehe mehr als das ich laufe, aber ein paar Sprünge die Stufen gingen dann doch. Ich erreiche ein Joch. Links geht es zum Westgipfel. Ich wende mich nach rechts Richtung Hauptgipfel. Vor mir eine mit Felsbrocken übersähte Wiese voller Juni-Alpenblümchen, Helianthemum alpestre und Campanula patula. Nehme ich an. Und schreibe das so, weil ich ersten farbenblind bin und zweitens von Blumen Null Ahnung habe. Gefallen aber tun sie mir alle. Jedenfalls geht es mir gut und flotten Laufschritts geht's Richtung Ostgipfel. Uiuiui, da ist ja richtig was los! Vor lauter Bergfreunden sieht man die felsige Gipfelformation kaum noch. Oben angekommen musste ich stark abbremsen. (Aufgepasst dort oben! Es ist nicht sofort ersichtlich, dass es >>>gleich neben dem Kreuz steil hinunter geht.) Ich habe das erst gesehen, als ich mich unter das Kreuz gesetzt hatte.

Die Sicht war nicht so toll heute, die hohe Luftfeuchtigkeit stand im Weg. Der Wendelstein aber ragt mächtig gegenüber auf und macht Glauben, dass man nur ein Stück hinunter und dann gleich hoch zu ihm laufen kann. Die vermessene Idee zickte noch immer. Aber gleich werde ich sie auf die Probe stellen. Müssen. Denn steil gehts hinunter zur Hubertushütte. "Wenn du es ein bisschen laufen lässt, tragen dich die Füße in drei Minuten dorthin", schreibt Thomas Bucher in "Speedhiking; Münchner Hausberge". Also, du verrückte Idee ... halte dich jetzt gut fest! Und du Rippe, gibst mir bitte Bescheid, ob das so OK für dich geht. Ich kraxle die Felsen hinunter, erreiche bald den steilen mit niedrigen Stufen durchsetzten Wanderweg, und gebe Gas. Bei jedem Sprung werfe ich die Arme hoch über den Kopf, um die Balance zu halten, bin schneller unten als der Bucher, lande mitten auf der vollbesetzten Terrasse der Hubertushütte und blicke in ungläubige Gesichter; ich verspreche, dass ich das nächstes Mal keine solche Schau abziehen werde, aber heute musste es sein. Nicht der verdutzten Gesichter wegen, sondern wegen meiner Rippe. Und hey ... die hat nicht gemuckt. Nicht ein bisschen. Ganz allerdings hat sie den Test noch nicht bestanden. "Unterhalb der Hütte wartet eine viertelstündige steil abwärts führende Wegpassage auf dich. Im Laufschritt ist das eine echte Herausforderung für Geschicklichkeit und Reaktionsvermögen - und natürlich eine Folterkammer für empfindliche Gelenke aller Art unterhalb der Gürtellinie", schreibt Bucher weiter, und vergaß hinzuzufügen, auch oberhalb der Gürtellinie.

Ich erreiche die Weggabelung. Im Unterschied zum Blick vom Gipfel des Breitensteins aus hinüber zum Wendelstein, liegt der jetzt ganz schön weit weg. Und das gefällt mir. Ich male mir aus, wie fein der traverse Trail dort hinüber sein würde, und wie spannend dann der steile Aufstieg zum Wendelstein-Haus.

Meine Trail-Seele tanzte Salsa.

Und so schön, wie ich es mir ausgemalt hatte, war es dann auch. Ein Stückchen noch gings auf einem Forstweg dahin, bald aber lief ich auf einem traumhaften Trail. Nahezu allein. Und immer wieder mit grandiosem Blick auf den Wendelstein direkt vor mir. An dessem Fuß gings steil über Felsen nach oben, bis zu einer Weggabelung, die ich wiedersehen sollte, denn auch von hier gehts - wieder travers - zurück nach Birkenstein. Erstmal gings weiter steil hinauf. Ich kenne ich den Trail vom Herbst, wo ich von Osterhofen hochgelaufen bin. Gelaufen? Na ja! Jedenfalls ist es ein schöner Aufstieg, der direkt zum Wendelstein-Haus führt. Und mittenhinein in den Trubel. Alle Bahnen fuhren. Auch deshalb schenkte ich mir den Spaziergang mit Dackel auf den Gipfel.

Hinter mir liegt bereits der steile felsige Downhill, als ich an der Weggabelung ankomme. So schön es auch hintenherum war, ich wollte jetzt in der Sonne laufen. Befürchtete aber, dass dieser Weg nach Birkenstein ein langweiliger Forst- oder Wanderweg sein würde. Ja, war es auch, aber nur das letzte Stückerl kurz vor Birkenstein. Davor aber war nochmal Salsa angesagt; einmal einen langen Singeltrail zu laufen, nicht zu steil, batzig, verwurzelt und gespickt mit kleineren Hindernissen, ein Singletrail, der mich unter blauem Himmel im Sonnenschein über Blumenwiesen führte ... das hatte ich mir schon lange gewünscht. Dass ich auf diesem Trail nicht eine Menschenseele traf, setzte dem ganzen noch die Krone auf.

Ein Blick zurück zum Wendelstein. Ein Panorama-Foto geschossen und mir vorgestellt, wie sie jetzt alle da oben auf und neben Beton sitzen, stehen und staunen - und von der Schönheit der Natur nicht viel mitbekommen. Tief atmete ich ein und aus, nahm diese schlichte Schönheit in mich auf und verstand einmal mehr, warum ich so gerne in den Bergen herumsause. Die Seele baumelte, entsprechend schwer fiel es mir, diesen Platz wieder zu verlassen. Ein Platz, der mich auch mit meiner Kindheit verbindet, weil ich viele Jahre die großen Ferien in Fischbachau verbracht habe, und der Wendelstein sich hier genau so zeigte, wie er sich in mir eingeprägt hat. Damals machten in dem Ferienhaus auch Italien-Urlauber, die braungebrannt von Rimini zurückgekehrt waren, einen Zwischenstopp. Ich hatte keine Vorstellung davon, wie es sein würde, dort am Strand zu liegen und wünschte mir oft, dies kennenzulernen. Noch heute aber ist in mir dieses Gefühl der Geborgen- und Freiheit präsent, die mich an die glücklichsten Tage meiner Kindheit erinnern ... und immer wieder das Bild vom Wendelstein, wie er in der Abendsonne golden glühte.

Wer es an anderer Stelle hier in diesem Blog überlesen habe sollte, der darf wissen, dass ich mit zwei Ausnahmen (Kilimanjaro, 1984; Meiler Hütte, 2012) mehr als dreißig Jahre auf keinem Berg mehr war. Trailrunning bringt mich jedesmal erneut in Kontakt mit jenen Anteilen in mir, die ich als Kind in Fischbachau entwickelt habe - wohl deshalb nenne ich dieses Laufen spielerisches Herumsausen in den Bergen. Am liebsten bei schönem Wetter.

Erstmal musste ich mir die Augen föhnen, dann lief ich weiter. Erreichte bald den Forstweg, und damit auch die ersten Wanderer. Nach etwa 17km und 1100hm nahm ich den Gang raus, drückte den Ausknopf meines Players und betrat die kleine, prächtig geschmückte Wallfahrtskapelle Birkenstein. Dankte auf meine Weise der Mutter Gottes, dankte den Engeln, die mich am Breitensteingipfel behütet hatten, mich nicht hintermich haben blicken und keinen Schritt zurück haben machen lassen, als ich einem feschen Madl meinen Fotoapparat reichte und bat, ein Foto von mir unter dem Kreuz zu machen.

Dann machte ich mich auf die Suche nach meinem Auto und staunte, wie viele kleinere Parkplätze es hier gibt. Nur keinen, mit meinem Auto drauf. Niemand in den Gärten der schmucken Häuschen hier, den ich fragen konnte. Ein Wanderer kam mir entgegen. Fragen kostet nichts, wenngleich ich das Fragen in diesem Fall ziemlich blöd fand, auch die Frage: "Ich finde den Parkplatz meines Autos nicht mehr. Gibt es dort unten vielleicht noch einen?" Wir kamen ins Gespräch, und nach einer gefühlten Ewigkeit meinte er, dass es sein könnte, dass er vielleicht doch einen Parkplatz gesehen habe, aber dort war ein Schild "Durchfahrt verboten".

Vom Breitenstein zum Wendelstein

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