Trailrunning - Estergebirge - 26.10.15

Winni Mühlbauer - Trailrunning - Estergebirge 26.10.15 - Hohe Kisten zum Hohen Fricken


26.10.16
Winterzeit im Nacken
Winni + Christian

Besser geht nicht! Ich meine das Wetter. Es weht ein leichter Südwind, die Sonne wird 10 Stunden vom strahlend blauen Herbsthimmel scheinen, die Fernsicht ist in Worten kaum zu beschreiben. Beschreiben ist auch schon das Stichwort für das, worauf ich hinauswll: Diese lange Tour durch das Estergebirge wird in einem Buch für Speedhiker hochgelobt und technisch als nicht schwierig bezeichnet, nur konditionell sei sie eine Herausforderung. Dann schaun wir mal mal ...

Eigentlich war diese Tour für Anfang der alpinen Trail-Saison im Juni geplant, aber irgendwie hatte es nicht sein sollen. Dann haben wir sie aufgegeben aufgrund des frühen Wintereinbruchs Mitte Oktober. Christian vermutete aber, dass sich, wie so oft Ende Oktober, noch mal eine südliche Strömung einstellen wird mit deutlich wärmeren Temperaturen. Diese Phase haben wir jetzt und die Gunst der Stunde genutzt.

Dumm nur, dass dieser Montag der erste Tag in der Winterzeit war. Dumm auch, dass es dort oben dann doch auf weiten Strecken anders kam, als beschrieben.

Das Auto parken wir in Farchant und fahren mit dem 10:11 Uhr Zug zwei Stationen nach Eschenlohe. Wir spazieren durchs Dorf und erreichen die Krottenkopfstraße. Um 10:37 drücke ich den Knopf meiner Stoppuhr. Mit vollen Rucksäcken und mit 2,5 Liter Wasser - die Weilheimer Hütte hat schon zu - beginnen wir den langen Prolog rauf zur Hohen Kisten. Gut 8 Kilometer und 1300hm liegen vor uns zu diesem markanten Gipfel im Estergebirge, einem der größten zusammenhängenden Karstgebiete in den Bayerischen Alpen über dem Loisachtal.

www.bergwelten.com/touren/uebers-pustertal-auf-die-hohe-kisten

Auf dem Forstweg folgen wir den Wegweisern Richtung Krottenkopf. Schilder zur Hohe Kisten gibt es nicht. Wir laufen um den Gipfel des Brandecks herum, zu unserer Freude oft in der Sonne, und landen auf einem Trail. Christian und ich schrauben uns die steile Flanke hoch, biegen an einer weiteren Gabelung rechts ab und steuern direkt auf die noch weit entfernte Hohe Kisten zu. Noch eine steile seilversichterte Schrofenflanke ist zu queren, und wenige Minuten später erreichten wir das leider schattige Pustertal (1324m) mit seiner Jagdhütte. Gut 1000hm liegen hinter uns, Zeit, ein wenig zu verweilen. Wir schauen hinauf zu den nördlichen Ausläufern des Estergebirges und unseren weiteren Weg. Mit einem "Auf geht's!" rennen wir weiter, laufen über einen Steig durch Latschen bis zu einer schlecht sichtbaren Abzweigung, wo wir uns nach rechts wenden. Die Latschen werden weniger, der Schotter nimmt zu. Ein wenig holprig geht es hinauf zum Kessel des Pustertalkars, bis uns stufiges Gelände und die Hilfe der Hände hinauf zum Grat bringen.

Auf diesen Moment haben wir gewartet: Die Reiseflughöhe ist erreicht und wir erfreuen uns an der wildromantischen Landschaft des Estergebirges. Inmitten großer Wiesenflächen schwingen die Berge und Gipfel auf und nieder, aneinandergereiht wie an einer Schnur; und wir mittendrinn. Uns wird's warm ums Herz. Einen großen Anteil daran hat auch die Sonne, die noch immer stark ist, auch wenn ihr Winkel schon flach ist. Wir laufen den trockenen Trail weiter, beglückt durch das Hiersein, fragen uns aber bald, wo denn die Hohe Kisten ist. Christian deutet steil nach rechts oben. Geradenoch ist die Spitze des Kreuzes zu sehen. Ein schmaler und steiler Abstecher führt uns nach oben, und nach einiger Kraxelei erreichen wir den Gipfel (1922m), der vom Tal aus wie eine liegende Kiste aussieht. Wer auf der Fahrt nach GAP mal wieder in Eschenlohe im Stau steht, kann gerne mal links hinauf blicken. Wir genießen derweil den Tiefblick hinunter aufs Loisachtal und den Rundumblick hinaus ins Alpenvorland und hinüber zum massigen Wettersteingebirge. Gut von hier zu sehen ist auch unser nächstes Etappenziel, die Weilheimer Hütte (1955m) am Fuße des Krottenkopfs (2086m), der höchste Berg der bayerischen Voralpen.

Nach einer kleinen Stärkung geht's den Trail auf dem Grat weiter, der dort, wo er in der Sonne liegt, trocken und gut laufbar ist. Ein flowiger Trail ist es aber nicht, der dazu erforderliche Rhythmus mag sich nicht so recht einstellen. Zudem fällt mir das Atmen schwer, derart, als liefe ich 1000 Meter höher in dünner Luft. Christian hatte vor dem Losfahren auf die Werte der Luftfeuchtigkeit gesehen, und die lagen bei 36 Prozent. Leichte Atemnot kann sich da schon mal einstellen, da die Atemwege gereizt werden. Und ich dachte schon, ich hätte alle Körner auf dem anstrengenden Weg hinauf zur Hohen Kiste verschossen. Ich nuckle am Schlauch meiner Trinkblase und überlege, ob ich bisher zu sparsam getrunken habe. Bald ist das alles vergessen, und wie von einer magischen Kraft gezogen, geht es weiter. Im Schatten erreichen wir kleinere Schneefelder, dann taucht plötzlich der Krottenkopf vor uns auf. Noch ein kurzes Stück und wir stehen wieder in der Sonne an der Weilheimer Hütte.

Der Krottenkopf. Auch der in der Sonne. Der Aufstieg nicht schwer. Wir schauen auf die Uhr. Eigentlich war der Gipfel eingeplant, aber die Winterzeit im Nacken rät uns zum Weiterlaufen. Blinker rechts raus und ab geht's einen almigen Hang hinunter, den Wiesensattel des Hennenecks. Weiter geht es leicht abwärts, dann taucht der Bischof vor uns auf. Christian möchte ihn von hinten bestei ... äh, wie sage ich das jetzt am besten? Von Norden kommend hat der Bischof einen recht markanten Grat, der über ein kurzes steiles Schotterfeld zu erreichen ist. Von dort kommt man auf die rechte Flanke, auf der es nahe am Grat nach oben geht. Das ist der normale Aufstieg, antwortet Christian auf meine mit Zweifeln gespickte Frage. Wir packen unsere Klettergurte aus ... Schmarrn. Ich gehe auf allen Vieren nach oben, bis zu einem Punkt, wo es für meinen Geschmack nicht mehr lustig ist. Wir drehen um. Eine gute halbe Stunde Zeitverlust verbuchen wir auf unserem ohnehin knapp bemessenen Zeitkonto.

Im Buch Speedhiking Münchner Hausberge gibt Thomas Bucher für diese Tour, die aber noch über den Wank führt und 28 km lang ist, 6:30 Stunden an. Nie und nimmer! Auf outdooractive.com - Überschreitung Estergebirge lese ich zwei realistischere Zeiten, nämlich 8 und 10 Stunden (inkl. 4 Gipfel).

Auch wir sollten, besser müssen, jetzt ein bisschen Gas geben. Kaum haben wir unseren Bleifuß auf dem Gaspedal, müssen wir schon wieder bremsen. Der gesamte traverse Trail auf der Westseite unterhalb des Bischofs ist nass, batzig und dann wieder geblockt, derart, dass wir sogar beim Gehen aufpassen müssen. Wir können kaum Kilometer machen, wie schon auf anderen Teilstücken dieser langen Tour, Kilometer die jetzt so notwendig wären, denn die Sonne ist schon am untergehen. Flowig, da sind wir uns einig, sind mit wenigen Ausnahmen die Trails hier oben leider nicht. Meine Laune, die schon ein wenig angeknackst ist, wird jedoch angehoben von der Stimmung um uns herum, die einzigartig ist: Hinter uns der aufgehende Vollmond, vor uns der dunkelgelbe Streifen der untergehenden Sonne über dem Alpenhauptkamm.

Neue Kraft und Glücksgefühle tragen uns den leicht ansteigenden Pfad zum Sattel zwischen Bischof und Hohen Fricken hinauf, und weiter über einen latschenbewachsenen Bergkamm zum Gipfel des Hohen Fricken. Dort stehen wir und blicken zur Zugspitze und hinunter auf die Lichterketten von Garmisch-Partenkirchen, schauen ins Loisachtal und weit nach Norden, wo der Nebel halt gemacht hat - und genießen die letzten Minuten der Dämmerung. Von milder Luft eingehüllt spüren wir intensiv die Bergeinsamkeit, die man immer seltener findet.

Und wenn wir nicht gestorben sind, dann ...




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