Trailrunning: Tegernsee

Winni Mühlbauer - Trailrunning - 11.11.15 Wallberg - Grubereck - Setzberg


11.11.15
... sah ich goldene Lichtlein sitzen
Winni

Korb für Korb schleppe ich 2 Ster Brennholz in den ersten Stock, eineinhalb Stunden lang, eine Gefälligkeit. Als Belohnung bekomme ich von meiner Schwester einen Christstollen. Vielleicht hätte ich ihn doch gleich verputzen sollen, denn ganz schön geschlaucht mit einem Loch im Bauch fahre ich gleich weiter an den Tegernsee. Wenn ich schon mal hier bin, muss ich natürlich in die Berge zum Spielen. Eigentlich war Regeneration angesagt, denn eine Woche vorher war ich auf dem Schildenstein, und erst am Sonntag auf dem Wendelstein. Gewandert.

Punkt 13 Uhr laufe ich an der Wallbergmoosalm los. So habe ich den halben Wallberg-Anstieg schon mal hinter mir und ein wenig Zeit und Körner gespart. Ziel ist wiedermal der Risserkogel. Wirklich wichtig aber ist mir heute der Sonnenuntergang auf dem Setzberg. Um 15 Uhr will ich auf dem Risserkogel stehen und um 15:15 Uhr zum Setzberg starten. Mich dann umziehen, warten und gucken. Perfekt! Als ich eine Stunde unterwegs bin staune ich, wie weit ich schon gekommen bin. Es ging vorbei am beliebten Wallberghaus (1512m), nicht zu verwechseln mit dem hässlichen Wallbergrestaurant. Dann lief ich, wie im Sommer schon bei Wassernotstand, den Alpenlehrpfad unterhalb des Setzbergs entlang, der im Schatten lag und feucht war. Aber immer noch gut laufbar bis auf wenige Meter. Ein kleiner Anstieg brachte mich in den Wald, wo der schönste Teil des gesamten Trails anfing. Immer schön an der Kante entlang mit tollen Tiefblicken aus sicherer Entfernung und oftmals in der Sonne.

Noch zweifle ich kein bisschen daran, dass ich in einer guten halben Stunde oben auf dem Risserkogel stehen würde. Ich erreiche eine steile Passage im Schatten, wo ich mir vorkomme, als liefe ich über Schmierseife. Da sind sie wieder, diese kleinen fiesen glattgelutschten Kalksteine, die vermutlich mit dünnem Moos überzogen sind und einen ins Schleudern bringen können. Dazu wird es immer steiler. Meine neuen Stöcke sind mir hier eine große Hilfe. Mein neuer Trailschuh Race Ultra 290, den ich bei einem Monsterdeal mit 50% Rabatt abgefischt habe, wären es auch gewesen, den aber habe ich heute nicht an. Ich lief mal wieder meinen Sense Mantra. Danach wird es lichter inmitten einer mit Steinblöcken übersähten kraterförmigen Mulde. Als ich oben die Kante erreiche, die nun direkt auf den Risserkogel zu führt, werde ich belohnt durch Sonne, Fernblick und einem sanften Singletrail. Glücksmomente eines Trailrunners! Aber bald ist es vorbei mit der Sanftheit und der Trail wird einmal mehr steinig und ruppig. Erneut bricht der Flow ab und es geht langsamer dahin, wenngleich durch eine wunderschöne Bergwelt, stets den Risserkogel und Blankenstein im Blick.

Es geht um eine Ecke. Abrupt bleibe ich stehen. An einem Latschenbusch scheint der Weg zu Ende zu sein. Zum ersten Mal zeigt sich der Risserkogel von seiner wilden felsigen Seite. Rechts endet der Pfad nach einem Meter. Links beginnt der Grat, der nicht ohne ist und vor dem bei Feuchtigkeit und Nässe gewarnt wird und rutschfeste Sohlen notwendig sind. Besonders auch im oberen Bereich, wo es auf abgespeckten Felsen zum Gipfel geht.

Und schon ist sie wieder da, die noch ungeklärte Frage: Was will ich als Trailrunner?

Ich bin am Grubereck (1664m) angekommen, es ist 14:40 Uhr. Ab hier wird der Weiterweg über den Verbindungsgrat als mittelschwere Bergwanderung eingestuft. Das Plätzchen vor dem Latschenbusch ist trocken, es ist windstill und die Sonne scheint mit ihrer ganzen Kraft. Wie oft wollte ich mich auf meinen Touren einfach mal, wie es so viele andere auf dem Berg auch machen, in die Sonne legen und Nichtstun. Wozu auf den Gipfel hatschen, wenn ich mich hier ausruhen und an der absoluten Stille erfreuen kann? Stille? Mitnichten. Jemand pfeift hier ziemlich laut eine fröhliche Melodie, ist aber nicht zu sehen. Ist immer noch nicht zu sehen, nur zu hören, von dort, wo ich auch hergekommen bin. Dann biegt ein junger Asiate um die Ecke, mit nacktem Oberkörper seinen kleinen Rucksack tragend. Ein kurzer Plausch, dann ist er auch schon wieder um die nächste Ecke verschwunden und die Stille kehrt zurück. Ich hatte mich inzwischen umgezogen und die nassen Sachen in die Sonne zum Trocknen gelegt. Nach einer halben Stunde mache ich mich auf den Weg zurück zum Setzberg - der Antwort auf meine ungeklärte Frage schon ein weniger näher gekommen und wissend, dass sie nicht abschließend beantwortet werden kann, sondern nur von Fall zu Fall.

Auf dem Rückweg treffe ich noch jemanden auf dem Weg zum Risserkogel. Er sitzt in der Sonne, wartet auf seinen Kumpel, und beide sind mit pofessioneller Fotoausrüstung unterwegs und wollen bei Sonnenuntergang Panoramabilder machen. Schleppen da einen riesigen Rucksack mit sich, als wollten sie am Gipfel übernachten. Ich bin mit kleinem Gepäck und meiner leichten LUMIX unterwegs und will gucken, ob es am Setzberg zum Sonnenuntergang spannende Motive gibt. Ohne Fotokamera ist heute wohl keiner unterwegs, denn kaum habe ich den Setzberg von seiner steilen bewaldeten Rückseit her erreicht, sehe ich am Gipfelkreuz einen Mann mit seinem Hund. Bevor ich ihn fragen konnte, ob er nicht von mir eine Foto ... fragte er mich und freute sich darüber, dass zu dieser später Stunde noch einer hier hoch kommt und ihn und seinen treuen Begleiter fotografieren kann. Dem Hund gefiel es am Kreuz, und mir gefiel es, dass er sich mit mir hat fotografieren lassen. Noch vor dem Sonnenuntergang machen sich beide auf den Rückweg.

Ich bleibe noch und genieße die Stille und den Blick hinunter auf den Tegernsee. Rasch wird es kühler. Verschwitzt, wie ich bin, fange ich an zu frieren. Ich schlüpfe in meine rote Jacke. Die aber wärmt nur, wenn man sich bewegt und die Betriebstemperatur nicht nach außen geht. Da zudem eine der beiden Voraussetzungen für gelungene Fotos fehlt, nämlich ein markanter Vordergrund für die Perspektive - Licht alleine genügt nicht -, mache ich mich auch auf den Weg nach unten. Sausen lasse ich die Idee, zu dem Platz unterhalb des Wallbergkirchleins hoch zu laufen, wo die Foto-Webcam oftmals so tolle Bilder vom Lichtermeer unten am Tegernsee macht. Es ist einfach zu kalt heute. Verpasst habe ich das: www.foto-webcam.org/webcam/wallberg/#/2015/11/11/1800

Gewonnen aber habe ich einen traumhaft schönen Lauf hinein in die Dämmerung, mit Stopps zum Staunen und Fotografieren - vor allem aber zum Erfreuen und Beglücken.

Mir wieder warm geworden laufe ich mit dem Hildebrandslied von Menhir in den Ohren bei fortgeschrittener Dunkelheit weiter, noch auf dem Forstweg, dann auf dem steileren Pfad. Die Stirnlampe ist vorbereitet. Ich brauche sie aber nicht, das Restlicht reicht. Noch einmal treffe ich auf den treuen Begleiter und sein Herrchen. Dann ein heller Fleck, aus den kleinen Fenstern der Wallbergmoosalm leuchtet Licht. Zwei Männer sitzen biertrinkend an einem Tisch und scheinen sich gut zu unterhalten. Ich schweige und nuckle dann an meinem Trinkschlauch. Tagesausklang.


"Zu begreifen, dass eben nichts zu Ende ist bevor es zu Ende ist,
egal in welcher Situation man sich gerade befindet. Man macht
einfach den nächsten Schritt und es geht weiter. Nur wer in Be-
wegung bleibt, hat überhaupt die Chance, ein Ziel zu erreichen,
auch wenn es im Moment gerade aussichtslos erscheint."

Die Überraschungssiegerin des UTMB >>> Mira Rai, auf die Frage von Trail Magazin,
welche Erfahrung sie aus so einem Rennen mitgenommen hat.


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Setzberg - Grubereck - 11.11.15

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