Trailrunnng - Lacherspitze - 22.6.16

Winni Mühlbauer Trailrunning - Lacherspitze - Wildalpjoch - Techno-Berg - 22.6.16


22.6.16
Schattenspiele
Winni

Es ist Mittwoch, der erste schöne Tag nach der diesjährigen Sintflut. Es ist heiß, morgen soll es heißer werden. Ein relativ guter Tag also, um nach einem Monat Entzug endlich wieder soulige Trails unter die Füße zu bekommen und von oben eine Dopamindusche. Auf dem Parkplatz am Sudelfeld bei der Jugendherberge gibt es weit und breit keinen Schatten. Auf freien Straßen war ich nach einer guten Stunde hier gelandet, um kurz nach 10 Uhr.

Auf der Suche nach einem Berg, dessen Hänge sonnenverwöhnt sind - um, anders als diese Schweine hier, möglichst wenig Matschepampe zu haben - landete ich in der Wendelstein-Region. Von diesem Techno-Berg kann man halten, was man will, viele Pfade zu ihm hinauf sind wildromantisch und eingebettet in reizvolle Berglandschaft. Vom Sudelfeld aus gibt es drei Varianten, ich entschied mich für die weniger bekannte durch das Lacherkar hoch zur Lacherspitze (1724 m). Am Himmel Wolken, auch graue, nicht aber zwischen mir und der Sonne. Erstmal geht es eine steile betonierte Rampe hoch, und es dauert nicht lange, und ich bade in Schweiß. Wäre ich doch nur zum Simetsberg gefahren, wie lange geplant, da wäre ich jetzt im Wald unterwegs. Die Luftfeuchtigkeit ist hoch, was die gefühlte Temperatur erhöht, dafür aber den Mund nicht austrocknen lässt. Zwei Liter Wasser habe ich gebunkert, und als Mampf meine bewährte Flüssignahrung aus Eiweiß- und Kohlenhydratpulver, namentlich Hafermehl, BCAA und Kollagen Hydrolysat mit der wichtigen Aminosäure Glycin; nur Omnivoren bekannt und nur zum Nutzen derer. Keine Ahnung, wie Veganer ihren körpereigenen Schutzwall gegen zellschädigendes Wasserstoffperoxid aufbauen. Vielleicht brauchen die das nicht, da sie ja sooo gesund leben!

Mit dabei ist heute meine neue GPS-Uhr, die TOMTOM Runner 1, eine leicht zu bedienende Uhr mit extragroßem Display für Halbblinde wie mich und den wichtigsten Funktionen. Zu meiner Überraschung lasse ich mich hier in den Bergen kaum von ihr ablenken. Anders, als im Englischen Garten, wo ich häufig auf die Pace guckte, was mich zum schnelleren Laufen motivierte. Geschwindigkeit aber in den Bergen ist für mich kein Thema; flowig soll der Lauf sein und meine Seele streicheln. Der geht es auch schon besser, da ich den ersten Trail entdeckt habe, der unbeschildert rechts ab geht. Ich bleibe kurz stehen. Zwei junge Damen auf dem Weg nach unten rufen mir zu: "passt scho!" Also passt es scho. Leider war es nur eine längere Abkürzung und ich lande wieder auf Asphalt. Dann erneut ein Abzweiger. Links der Pfad zum Wendelstein, rechts weiter auf Asphalt in Richtung Lacherspitze und Wildalpjoch. Bled!

Ich habe mich zu früh geärgert, denn nur wenige Höhenmeter weiter kam der Abzweiger ins Kar. Der Blick hoch auf das üppige Grün, eingerahmt von felsigen Formationen und gekrönt von zwei riesigen Backenzähnen aus Kalkstein, der Lacherspitze, machen mir Vorfreude auf den Trail. Die Befürchtung, dass dieses Kar im Schatten liegt und der Steig matschig sein könnte, war bald verflogen. Nur der Einstieg ins Kar war matschig, dort wo es noch flach war. Trocken und technisch leicht zu laufen schlängelt sich der Trail durch Latschen und lichten Wald nach oben, nicht sehr steil und meist in der Sonne. Über die Lacherspitze aber schieben sich die ersten grauen Wolken, was mich erst gar nicht freut, später aber immer mehr, denn die direkte Sonneneinstrahlung jetzt Ende Juni ist schon heftig und belastet mich.

Unter dem grauen Vorhang aber läßt es sich angenehme dahintrotten, Meter um Meter, und die am Rande der Wolkenfelder herunterbrechende Sonne taucht das üppig ins Grün geschossene Kar samt namenlose Gipfelchen in verdientes Licht. Schattenpiele.

Noch ein Stück laufe ich durch das Wäldchen, der Pfad ist steiler geworden und ein wenig nass, bevor ich ein freies Wiesengelände erreiche und die beiden Felsblöcke der Lacherspitze zum Greifen nahe vor mir sehe. Ein unschwieriger Weg durch eine Latschengasse bringt mich direkt zum Gipfelaufbau. Noch 5m klettern, und man steht am Kreuz. Ich setze mich unterhalb in eine Nische, von wo aus ich durch einen Felsrahmen hinüberschaue zum Techno-Berg, wo gerade eine Art Lightshow inszeniert wird. Oder sind es Schattenspiele?

Bevor ich das herausfinde, mache ich mich auf den Weg in Richtung Wildalpjoch. Der wurzelige Trail durch die Latschengasse ist ein Hochgenuss, es geht rauf und runter, mal über eine Felsplatte, dann wieder entlang an Felswänden, und immer wieder wird der Blick frei aufs Wildalpjoch. Ich passiere das Seewandköpfl und erreiche auf einem Sattel eine Bank mit einem Tisch und einen Abzweiger hinunter. Hier also endet der Steig, der unten ausgeschildert war. Noch ein Stück laufe ich geradeaus weiter und denke, dass ich eigentlich nochmal hierherkommen und es für heute gut sein lassen sollte, will ich doch noch auf den Techno-Berg. Was ich in diesem Moment noch nicht weiß, ist, dass es ein Tour werden könnte, die mich über die Soinwand führen wird, den wenig bestiegenen Nachbarn vom Wendelstein.

Also zurück, auch wenn es mir dann doch leid tut, nicht heute schon auf dieses markante Joch gelaufen zu sein. Dieser Gedanken verfliegt aber rasch wieder, meine Konzentration ist auf den Trail vor mir auf diesem Verbindungskamm zur Lacherspitze gerichtet. Die ist bald erreicht und bleibt linker Hand liegen. Es geht hinunter zur Kesselwand, wo ich ordentlich Gas gebe, weil vor Steinschlag gewarnt wird. Ich schaue, wo auf diesem breiten Weg die meisten Gesteinsbrocken liegen und laufe nahe der Wand entlang bergauf. Massig und breit liegt jetzt der Wendelstein vor mir, ganz anders, als von Fischbachau aus gesehen, wo er sich als schmale Pyramide zeigt. Ich laufe auf die Zeller Scharte zu, sehe unten die Schienen der Wendelstein Zahnradbahn und darüber den naturbelassenen Panoramaweg zum Gipfel. Den geht es hoch. Kaum am Gipfel angekommen, wabern Wolkenfetzen herum, dafür aber fehlt das Gewusel der sonst so zahlreichen Besucher. Nix los heute. Oh Wunder! Zudem ist es absolut windstill, und die Sonne läßt sich auch wieder blicken. Ich ziehe mein Shirt aus, hole mein Fläschchen aus dem Rucksack und stärke mich. Zwei, die mich schon die ganze Zeit beobachten und mich an die in Gold getauchten Straßenkünstler erinnern, bekommen es auch.

Auf dem Panoramaweg geht es wieder hinunter. Und auch hier: keine Menschenseele. Immer wieder geht mein Blick hinüber zu dem Berg, dessen Namen keiner kannte, obwohl er aufgrund seiner Breite dominant und unübersehbar im Schatten des Wendelsteins steht. An seinem Fuße dann Wegweiser. Es geht hinunter nach Brannenburg, neun lange Kilometer, bekannt bei Bergläufern, die sich auch hier ihre Kondition holen (0,5km Asphalt, 7km Kiesweg, 1,3 km Wanderweg und 0,4km Pfad). Und es geht hinauf zur Soinwand. Aha! Noch nie gehört. Mit einer Idee im Kopf laufe ich wieder an der Kesselwand vorbei, wieder schnell und diesmal bergab. Gleich danach kommt der Abzweiger zu den Wendelstein Almen, von wo aus es geradeaus weiter hinunter nach Osterhofen geht, oder links ab zum Sudelfeld. Und wieder geht es einen solchen Trail hinunter, wie eingangs erwähnt: wildromantisch. Wenngleich an Wochenenden sicherlich stark frequentiert. Heute aber traf ich niemanden. Dafür ging es dann doch noch durch Matschepampe. So tief, dass meine Zehennägel braun eingefärbt worden sind.


In the meantime: Rob Baird- Dreams and Gasoline

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Blick vom Wendelstein Von links nach rechts: Soinwand, Kesselwand, Lacherspitze


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