Trailrunning: Rofan - Zireiner See - Marchgatterl

Winni Mühlbauer - Trailrunning: Rofan Zireiner See - Marchgatterl - Schönjochalm - 8.7.17


18.7.17
Gas geben oder Bremsen
Winni + Christian

Wohlig liege ich im Bett. Plötzlich ein Schlag mitten ins Gesicht. Der Wecker. Es ist kurz nach Mitternacht, 5 Uhr. Um 6 Uhr soll ich Christian treffen. Der ist schon um 3:30 Uhr aufgestanden. Wir wollen, nein wir müssen früh los, denn ab 14 Uhr steigt im Rofan die Gewitterneigung. Um 7:45 erreichen wir das verschlafene Dorf Steinberg, idyllisch gelegen zwischen Guffert und der imposanten wilden Nordseite des Rofans.

Wir parken das Auto in Hintersteinberg neben der Bushaltestelle an einem Bankerl (1010m). Gleich daneben empfängt uns ein schmaler Waldpfad, der uns in Richtung Holzermahd bringt. Vergessen das frühe Aufstehen, Laufspaß von Anfang an. Im morgendlichen Wald flitzen wir leichtfüßig über den Trail, der uns vorbei an aufsteigenden Felswänden hoch über die Schlucht der Steinberger Ache bringt. Die gewonnenen Höhenmeter gehen wieder flöten, ein Wiesenpfad bringt uns hinunter zum Gaismoosbach (1020m), den wir auf einer schmalen Holzbrücke überqueren. Nach diesen 3,2 km beginnt der eigentlich Aufstieg über 900 Höhenmeter hinauf zum Marchgatterl.

Insgesamt werden wir am Ende unserer Runde mit einem kleinen Verhatscher 26,8 km und 1750hm zurückgelegt haben.

Erstmal aber geht es hoch zum Zireiner See über die Schauertalalm (1351m). Diese liegt auf einer kleinen Lichtung inmitten eines dichten Mischwaldes. War der Aufstieg bis hierher schon relativ steil, so wird es nach der Alm richtig steil und zudem felsiger. Ich bleibe stehen, drehe mich um, schaue hinüber zum Guffert, pflücke mir meine Stöcke vom Trinkrucksack und schiebe mich allradgetrieben weiter hinauf. Die Berglandschaft hier schon überwältigend schön, und doch nur ein Vorgeschmack auf das, was uns oben erwartet. Christian und ich erreichen die felsige Kuppe des Schauertalsattels, laufen ein paar Schritte weiter und halten inne: inmitten eines grünen Moos- und Wiesenteppichs spiegelt noch klein der Zireiner See (1799m), während im Hintergrund die ersten Felswände des Rofans im morgendlichen Licht erstrahlen. Gut zu sehen auch unser nächstes Ziel, das Marchgatterl (1909m), das ein weiteres Tor mit neuen Höhepunkten aufstoßen wird.

Erstmal aber laufen wir links an dem 400m langen See vorbei, um den sich zahlreiche Sagen ranken. So soll einer Sage nach das Wasser des Sees jeden, der an seinem Ufer einschläft, in die Tiefe ziehen. Auch wenn von dieser Seite keine Gefahr droht, denn nach 8km sind wir lange noch nicht müde, laufen wir hurtig weiter, gönnen uns aber weitere Pausen und sind überrascht, wie wandelbar das Gesicht des Sees ist, der jetzt wie ein blaues Auge in der Senke liegt. Noch 200 Höhenmeter und wir erreichen das Gatterl. Der Kontrast hier kann kaum größer sein: rückblickend eine Bergwelt, die an die Highlands von Schottland erinnern, und vor uns ein Trail entlang steil abfallender Felswände und der Zacken der Hochiss, dem höchsten Gipfel im Rofan. Wir können uns nicht sattsehen und bleiben auch hier immer wieder stehen - blicken zurück und blicken nach vorn. Hin und wieder schauen wir auch zum Himmel. Ein paar dunklere Wolken tummeln sich dort oben, erstmal aber spenden sie willkommenen Schatten.

Vielleicht noch leicht verwirrt ob der wundervollen Natur hier, vergaloppieren wir uns erreichen das steile Angerer Kar. Wir aber müssen zum nächsten Kar und somit zurück zur Marchalm, an der wir oberhalb vorbeigelaufen sind und nur das Dach und die Lacke dahinter gesehen hatten. Nicht aber ... Die paar zusätzlichen Höhenmeter nehmen wir gerne mit und landen bald direkt an der Alm. Auch hier ein Stück Natur, wenngleich der anderen Art: eine junge, schlanke, hübsche Sennerin, gut aufgelegt, neugierig und schlagfertig. Ob heute noch ein Gewitter kommt, frage ich, und sie: "Wenn i in die Berg bin und a Gwitter kumt, dann hock i mi unter an Felsn, wart 20 Minutn und geh dann wida haom". Eine Woche Urlaub hier oben und ich wäre um einiges gescheiter und wohl auch demütiger. Wir aber müssen weiter, und wieder geht es bergauf. Direkt unterhalb der Rofanspitze bringt uns ein Trail noch näher an die Wände heran, und nach einem kurzen Lauf bergab erreichen wir die Ampmoosalm. Gut 200 Jahre alte Hütten mit Mauern aus Stein, die sich gut getarnt zwischen Felsen verstecken.

Bis hierher waren es etwa 13km, weitere 13 liegen vor uns, die meisten davon bergab mit einem Gegenanstieg von 300hm. Wir stehen am Einstieg zum Eselkar, das uns 500hm steil hinunterbringt in Richtung Laubkogel. Wenn ich gewußt hätte, was uns im weiteren Verlauf erwartet, wäre ich stante pede umgedreht und hätte all die Schönheit in umgekehrter Reihenfolge nochmal genossen, inkl. S.... Was nun aber meine Entscheidung beeinflusst hätte, war nicht das Kar selbst, das zwar technisch schwer zu laufen ist und einen zu hoher Konzentration zwingt, sondern etwas ganz anderes.

Also das Eselkar hinunter. Was bin ich froh, dass ich meine Stöcke dabei habe! Der Steig ist anfangs sehr geröllig und steil, eine Belastungsprobe für meine Knie. Christian meinte noch kurz davor, ich sollte die Stöcke wieder einpacken. Er befürchtete, ich sei damit bergab langsamer unterwegs. Das Gegenteil war der Fall. Über schwierigere Passagen bocke ich mich im Doppelstockeinsatz auf und springe darüber, und auf sandigen Stellen bremse ich ab. Vor allem aber sind die Stöcke für die Psyche wichtig: Sie geben mir Sicherheit. Nicht nur eine vermeintliche, sondern tatsächlich. Je häufiger ich mit ihnen unterwegs bin, desto mehr läuft der Stockeinsatz unbewußt ab. Wer es noch nicht macht: Wichtig ist, bergab die Hände aus den Schlaufen zu nehmen.

Wieder hat die Landschaft gewechselt. Schroffe Felswänden ragen zum Himmel und verdecken das Rofan, am Wegrand blühen Alpenrosen. Bald begleiten uns Nadelbäumen und das Rauschen des Eselbachs tief unten. Das Rauschen wird lauter und wir erreichen den Holzsteg über den Bach. Hinter uns liegen 500hm, die nur anfangs richtig schwer zum Laufen waren, dafür aber spannend und herausfordernd. Was wir hier noch nicht wissen, ist, dass uns die größte Herausforderung noch bevorsteht.

Nur drei Wanderer trafen wir bisher, und plötzlich, wie aus dem Nichts, waren SIE da: Wegelagerer. Wir müßten zahlen, grinsten sie aggressiv. Und Pinkeln sei am teuersten. Ein Mal Pinkeln kostet sechs Stiche, für Frauen das doppelte. Und das andere, frage ich. Das willst du hier nicht müssen, kam es lapidar. Jedenfalls: Stehenbleiben und sich per GPS orientieren: drei Stiche. Nicht schnell genug den Berg hinaufsausen: 2 Stiche. Fotos machen war auch teuer. Ich verzichtete. Wir hatten noch gut 11 Kilometer und dummerweise den Gegenanstieg vor uns; und wir hatten nur eine Alternative: Gas geben oder Bremsen. Wir erreichen die Schmalzklausenalm (1173m). Quellwassergekühlte Getränke stehen dort zur Selbstbedienung bereit. Wir laufen weiter. Kostete uns zu viele Stiche. Und jetzt auch noch der Anstieg, der sich drei Kilometer lang um den Bergkegel des Laubkogels langsam hinaufschraubt und kaum laufbar ist. Anfangs ist kein Pfad auszumachen, und als er dann kam, war er meist schräg, schmal und von fetten Grashalmen überdeckt. Bald wird es so steil, dass wir gehen müssen. Und entsprechend zahlen. Wir aber schlagen zurück. Die zerbatzelten Bremsen an meinen Waden mag ich gar nicht mehr zählen. Was Christian und ich hier machen, ist mehr Trail-Schuhplattlern als Trail-Running.

Diesen langen ansteigenden Bogen - viel davon ohne richtigen Pfad - hinauf zur Einbergalm auf 1409m empfand Christian mal als etwas anderes, ich mochte ihn überhaupt nicht. Nicht nur der blutsaugenden Biester wegen. Ab der Alm laufen wir die Forststraße weiter steil hinauf. Auf 1500m erreichen wir die Schmalzklausenalm und damit den höchsten Punkt dieses langen Anstiegs. Auf den letzten 6km hinunter nach Hintersteinberg passieren wir die einfache aber bewirtschaftete Schönjochalm. An deren Brunnen füllen wir nochmal Wasser nach und laufen weiter. Der Himmel hat weiter zu gemacht, ohne aber bedrohlich zu werden. Erstmal noch geht es auf dem Wirtschaftweg hinunter, bis wir die Brücke über den Gaismoosbach erreichen. Dort biegen wir links auf den Gfaßkopfsteig und sind endlich wieder auf einem gscheiten Trail unterwegs. Der zieht nochmal leicht an und bringt uns zum Gfaßsattel. Nochmal bleiben wir stehen und blicken weit zurück zu den steilen Felswänden des Rofans. Nach einem weiteren Kilometer und über eine Skipiste sind wir wieder am Auto. Wir geben uns die Fünf, setzen uns auf die Ladekante und lassen uns das warm gewordene Bier schmecken - nach einer konditionsraubenden Tour wie dieser schmeckt einfach alles gut.

Diese voller Überraschungen steckende Runde mit immer neuen Highlights empfehlen wir wärmstens. Ohne Verhatscher sind es 1500hm und knapp 25km.

Bis zum nächsten Mal.
In the meantime: Wintersun - Awaken From The Dark Slumber (Spring)

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